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Das Interview mit Herrn Sebastian Nordmann vom Konzerthaus
Wenn man das Büro von Sebastian Nordmann, Intendant des Konzerthaus Berlin, betritt, wirkt auf den ersten Blick alles ganz normal. Keine Flatscreens, keine Spielekonsole auf dem Tisch, keine VR-Brille, die einem übergestülpt wird – kein Hinweis darauf, dass das Konzerthaus Berlin mit seiner neuen Digitalen Ausstellung zu den Vorreitern im Bereich neue Technologien und klassische Musik gehört. Nur ein begeisterter Intendant, der sichtlich stolz darauf ist, was sein Team da geschaffen hat. Und ein Smartphone und vier Pappkarten, die – man traut seinen Augen zuerst nicht – vier kleine Musiker auf den Tisch zaubern, die Schuberts „Der Tod und das Mädchen“ spielen. Sie sind ein kleiner Vorgeschmack auf das, was einen in der Digitalen Ausstellung des Konzerthaus erwartet. Und wer hatte die Idee dafür, Herr Nordmann?


Eigentlich war es nie unser Ziel, eine Digitale Ausstellung zu machen. Vor ungefähr zwei Jahren bekamen wir aber die Chance, über den Europäischen Fond für Regionale Entwicklung zusammen mit der Hochschule für Technik und Wirtschaft Berlin ein ganz besonderes Projekt zu finanzieren. Wir konnten bei uns Personal anstellen, um gemeinsam mit acht Entwicklern der Hochschule auszuloten, was man mit diesen neuen Technologien, die da so in aller Munde sind, machen könnte.
Damit hat das Konzerthaus eine große Vorreiterrolle eingenommen, oder?


Ja und nein. Im Kulturbereich gibt es schon länger einige Projekte, die vor allem die Technologie der Virtual Reality einsetzen – Ballettkompanien oder auch Gruppen aus den Performing Arts. Im Bereich der klassischen Musik gehören wir auf jeden Fall mit zu den ersten. 2015 gab es ja schon unseren äußerst erfolgreichen ersten 360-Grad-Anwendung, in dem das Konzerthausorchester Berlin unter Iván Fischer die Jupiter-Sinfonie von Mozart spielt. So einen Film gibt es zum Beispiel auch von den Los Angeles Philharmonic und Gustavo Dudamel Solche 360-Grad-Filme liegen auf jeden Fall sehr nahe, wenn man beginnt, sich mit der Verbindung von klassischer Musik und neuen digitalen Technologien auseinanderzusetzen.
Wer schaut sich bei welcher Gelegenheit dieses 360-Grad-Video an?


Jeder, der möchte, kann es ausprobieren! Die Virtual-Reality-Brille ist von April bis Oktober frei zugänglich in unserem Vestibül installiert, das für EinBlick frei geöffnet ist. Wir waren überrascht, wie viele Besucher die VR-Brille bislang schon aufhatten: bis zu 10.000 pro Monat! Was wir dabei besonders spannend finden: Es sind eben nicht nur Konzertbesucher dabei, sondern auch viele Passanten und Touristen. Das sind vielfach Leute, die vielleicht den ersten Kontakt überhaupt mit klassischer Musik über das Aufsetzen dieser VR-Brille haben. Jugendliche, Schulklassen kommen hier rein und haben sofort die Möglichkeit, in ein Konzert reinzuschauen – und das auch noch mithilfe von Geräten, die sie aus anderen Zusammenhängen kennen.
Seit einiger Zeit gibt es nun die Konzerthaus-VR-Brille 2.0. Was kann die?


Ja, das ist ein bisschen die Crux mit diesen sich so rasend schnell entwickelnden Technologien. Ist ein Projekt endlich zur Veröffentlichung bereit, gibt es schon die Nachfolgetechnologie auf dem Markt. Bei unserer ersten Anwendung befand man sich auf einem festgelegten Punkt inmitten des Orchesters und konnte von dort den Blick schweifen lassen, jetzt kann man mittels Blicksteuerung verschiedene Standorte im Orchester anpeilen. Außerdem haben wir dieses Mal mit 360-Grad-Mikros aufgezeichnet, sodass sich durch die Kopfbewegung auch der Höreindruck verändert. Das ist wirklich ein unglaubliches Gefühl.
Gibt es denn Pläne, die VR-Brille noch enger mit dem eigentlichen Konzert zu verbinden?
Wir haben festgestellt, dass die maximale Verweildauer unter der VR-Brille bei drei Minuten liegt. Es ist gut zum Reinschnuppern. Daher haben wir beschlossen, Entwicklungen in diese Richtung, die es ja im Pop-Bereich schon gibt, erst einmal nicht weiter zu verfolgen. Außerdem bin ich der festen Meinung, dass während eines Konzerts die Konzentration auf die Musik, die Bühne und die Musiker sehr wichtig ist. Ich möchte nicht, dass man von einer Brille, die noch mehr Bewusstseinsebenen hinzufügt, abgelenkt wird. Unsere Digitalen Projekte sind Bestandteil der gesamten Vermittlungsstrategie. Sie helfen im besten Fall dabei, dass noch mehr Menschen den Weg zum klassischen Konzert finden. Aber das Konzert an sich soll nicht verändert werden.
Jetzt mal zu diesen vier kleinen Menschen auf Ihrem Tisch, die hier vor meinen Augen Schuberts „Der Tod und das Mädchen“ spielen. Was ist das?


Eins meiner absoluten Lieblingsprojekte und eine wirklich spannende musikalische Anwendung! Dafür haben wir uns den interaktiven Aspekt, den Augmented Reality besitzt und den man beispielsweise von den Spielen wie Pokémon Go und den Instagram-Filtern kennt, zunutze gemacht. Das weltweit erste Virtuelle Quartett ist unser Konzerthaus Quartett. Die Musiker-Fotos sind mit nicht sichtbaren so genannten Markern auf vier Karten gedruckt, die man übrigens überall bei uns im Haus umsonst bekommt oder sich auf unserer Website ausdrucken kann. Mit Hilfe einer Smartphone- oder Tablet-Kamera und unserer Konzerthaus App erheben sich die Musiker und beginnen zu spielen. Das Tollste ist aber: Man kann die Karten beziehungsweise einzelne Musiker oder Musikerinnen herausnehmen und sie somit nicht nur visuell entfernen, sondern auch ihre Tonspur. Man bekommt also die Möglichkeit, ein Stück wie ein absoluter Musikexperte zu hören und die komplexe Interaktion zwischen den Musikern noch besser zu erkennen.
Wow! Das klingt wirklich unheimlich spannend und vor allem auch sehr aufwändig.


Das war es auch wirklich, ich empfehle da das Making of-Video zu dem Projekt, das die vielen einzelnen Schritte zeigt. Der spielerische Aspekt dieser Anwendung hat natürlich auch viel Potenzial für die Bereiche der kulturellen Bildung und Vermittlung. Da haben wir noch so viel vor! Ich kann zwar nachvollziehen, dass es bei vielen unserer Besuchern Berührungsängste mit diesen digitalen Technologien gibt, aber es wäre meiner Meinung nach fatal, wenn wir uns als Kulturinstitution nicht an dieses Thema ran wagen würden. Denn dann würden wir eine gewisse Deutungshoheit verlieren. Und das möchte ich auf keinen Fall!
Die Digitale Ausstellung des Konzerthaus mit den beiden hier beschriebenen Anwendungen und vielen mehr kann noch bis Oktober tagsüber in der Regel von 11.00 bis 18.00 Uhr und abends während der Konzerte kostenfrei im Vestibül besucht werden.
Das interview führte Renske Steen



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