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Elena Tsallagova - Im Gespräch mit Renske Steen Mitte Mai 2018
Elena Tsallagova – das klingt so richtig nach Oper! Nach einer Sängerin, die hübsch und mit einer Wahnsinns-Stimme ausgestattet ist und auf der Bühne jede Rolle so verkörpert, dass das Publikum restlos begeistert ist. Und ja, das trifft alles so zu. Aber Elena Tsallagova ist noch viel mehr. Die Sängerin, die aus Russland stammt und bereits an allen großen Opernhäusern engagiert wurde, hat fünf Jahre in einer Jazzband gesungen und in vielen Ländern gelebt. Das Leben in Hotels ist ihr also nicht fremd. Das passt, denn in der nächsten Premiere an der Deutschen Oper Berlin am 15. Juni spielt sich alles in einem solchen ab. Gioacchino Rossini lässt für seine Oper „Il viaggio a Reims“ (Regie: Jan Bosse) in einem Kurhotel in der französischen Provinz viele Leute zusammen kommen, miteinander feiern, sich verlieben – man hat einfach eine gute Zeit zusammen. Klingt nach einem interessanten Abend. Und was mag Elena Tsallagova an Hotels?

Hotels mag ich, weil ich immer in ein sauberes Zimmer komme. Ich muss mich um nichts kümmern. Gerade wenn ich spät zurückkomme, beruhigt es mich sehr, alles geordnet und sauber vorzufinden. Aber niemals für lange. Ich mag nämlich auch Veränderung – vielleicht weil ich vom Sternzeichen Zwilling bin und mich selbst auch als sehr wandelbar bezeichnen würde. Eine Woche in einem Hotel finde ich gut, länger nicht.

In Rossinis „Il viaggio a Reims“ spielen und singen Sie die Improvisationskünstlerin Corinna, die eine bunte Truppe im Kurhotel „Zur goldenen Lilie“ komplettiert. Eigentlich wollen alle zur Krönungsfeier Karls X. nach Reims, aber als es dann aus welchen Gründen auch immer keine Pferde mehr gibt, entscheidet man sich spontan, an Ort und Stelle ein großes Fest zu feiern.
Wir sind zwar erst in der zweiten Probenwoche, aber ich kann schon jetzt so viel sagen: Es wird verrückt. Das muss es auch. Ich glaube, das Publikum wird es mögen, denn das, was da auf der Bühne passiert, fühlt sich ganz vertraut und „heutig“ an, nicht wie eine alte, fast 200 Jahre alte Geschichte. Da verbringen ein paar junge Menschen eine gute Zeit zusammen, nicht mehr, aber auch nicht weniger. Schön ist, dass das Ensemble sehr jung besetzt ist. Wir alle bringen unsere eigenen Geschichten, unser eigenes Leben mit in diese Inszenierung. Wir teilen unser Leben und unsere Erfahrungen mit dem Publikum.

Das klingt wirklich so, als würde das, was auf der Bühne passiert, gar nicht so weit weg sein von der Wirklichkeit. Und trotzdem gibt es natürlich diesen feinen Unterschied, dass Nationalität und Herkunft vor 200 Jahren etwas vollkommen anderes bedeuteten als heute. Europa in dem Sinne gab es damals nicht, heute steht das Konzept für viele auch wieder auf der Kippe. Sie selbst kommen aus Russland, genauer gesagt aus Ossetien.
Ja, stimmt, ich stamme aus Wladikawkas in Nord-Ossetien. Und wie alle kleinen Nationen mögen auch die Osseten es, sich abzugrenzen und nicht automatisch im großen Russland unterzugehen. Ganz so wichtig ist das allerdings für mich persönlich nicht. Ich bin stolz, eine Ossetin zu sein, aber auch stolz, eine Russin oder jetzt eine Berlinerin zu sein.

Sie können sich also mit verschiedenen Kulturen identifizieren und fühlen sich in ihnen zu Hause?
Ja, auf jeden Fall. Diesen Aspekt mag ich auch so an Rossinis „Il viaggio“. Hier kommt Europa zusammen, um gemeinsam unter Berücksichtigung aller Unterschiede einen neuen König zu feiern. Damals, vor 200 Jahren, kam diese Idee gar nicht so gut an beim Publikum. Heute ist sie umso wichtiger, wie ich finde. Wir haben natürlich Glück, weil Musik Grenzen spielend leicht überwindet. Man singt zusammen, vielleicht sogar in einer Sprache, die man gar nicht versteht, und trifft sich so auf Augenhöhe. Wir wollen zeigen, wie schön das sein kann.

A propos Gesang – Corinna ist eine berühmte römische Improvisationskünstlerin. Einer der Höhepunkte der Oper ist auch ihre Improvisation zu einem Thema, das die Gruppe bestimmt. Gab es solche Sängerinnen wirklich und was hat es mit Improvisation auf sich?
Rossinis Werke sind sehr speziell. Man kann sie nicht dem Belcanto zuordnen wie etwa die Opern von Donizetti, Bellini oder Verdi. Rossini ist interessant wegen der Variationen. In den Noten kann man sehen, dass ein Vers nie einfach nur wiederholt wird. Es wird immer improvisiert, passend zu dem, wovon der Text handelt oder wie sich das Setting verändert. Das habe ich in der Accademia Rossiniana gelernt, als ich 2011 beim Rossini Festival in Pesaro zum ersten Mal die Corinna gesungen habe. Davor war Rossini einfach nur ein sehr merkwürdiger Komponist für mich als Sängerin, weil ich diesen Improvisationen nicht folgen konnte. Ich habe nicht verstanden, wann und wie etwas improvisiert werden sollte. Aber jetzt weiß ich das. Der erste Vers gibt die Struktur vor und dann verändert es sich immer mehr. Es ist eigentlich wie im Jazz, den ich sehr liebe. Ich habe viel Jazz gesungen. Und natürlich gibt es einen großen Unterschied: Alles ist von Rossini festgelegt und notiert, man improvisiert nicht selbst wie im Jazz. Aber manchmal mache ich meine Tricks. Wenn ich wirklich inspiriert bin und mich sicher fühle mit Orchester und Dirigent, dann breche ich schon mal aus und gehe den Weg von Rossini noch weiter, als er das vielleicht vorgesehen hat. Aber das geht nur, wenn großes Vertrauen von allen Seiten gegeben ist.

Mögen Sie eigentlich solche humorvollen Opern lieber oder singen Sie auch die ernsten, gewichtigen Werke gern?
Da unterscheide ich nicht. Ich mag vor allem merkwürdige, ausgefallene Stücke und Musik. Und ich finde es besser, wenn es nicht allzu viel Drama auf der Bühne und in der Musik gibt. Eine dramatische Produktion im Jahr ist okay, aber eigentlich mag ich die leichteren Werke lieber. Es soll ein Vergnügen sein für das Publikum und auch für uns. Wenn auf der Bühne zu sehr gelitten wird, ich weiß nicht…

Das verfolgt dann schon einen anderen Zweck, oder? Die ernsteren Werke wollen zum Nachdenken anregen, wollen neue Blickwinkel auf Themen bieten, die leichteren Werke dagegen einfach nur gefallen und einen schönen Abend bescheren.
Ja, aber natürlich gibt es auch in den leichteren Werken eine Bedeutung und einen Aussage, über die man nachdenken kann. Manchmal hinterlässt es ja schon einen größeren Eindruck, wenn man über etwas Trauriges lachen kann.

Gibt es also traurige Momente in „Il viaggio a Reims“?
Ach, ich glaube nicht. Das ist wirklich ein Abend zum Spaßhaben.

Premiere an der Deutschen Oper Berlin am 15. Juni 2018
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Das Interview führte Renske Steen Mitte Mai 2018
(c)