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25.03.2017, 19:30
Staatsoper im Schiller Theater
for the last time this season
Madama Butterfly
Tragedia giapponese in two acts by Giacomo Puccini to a libretto by Giuseppe Giacosa and Luigi Illica
Conductor Eun Sun Kim
Director Eike Gramss
Set | Costume design Peter Sykora
Chorus Master Martin Wright
Cio-Cio-San Oksana Dyka
Benjamin Franklin Pinkerton Teodor Ilincăi
Sharpless Alfredo Daza
Yamadori Arttu Kataja
Uncle Bonze Tapani Plathan
Commissioner David Oštrek
Kate Pinkerton Natalia Skrycka

2:50 h | including 1 interval

When in the mid-19th Century, the American fleet had forced the opening of Japanese ports, the influence of Japanese culture started to spread into the Western world – and soon plots of operas and operettas were set in this country yet to be discovered.

»Madama Butterfly« is based on an novella that allegedly depicts a true story: Lieutenant Pinkerton has fell in love with geisha Cio-Cio-San, called Madama Butterfly, and wanted to marry her according to Japanese custom. Such a connection, however, can be repealed in America any time. Butterfly loves Pinkerton and gets pregnant with his child. She waits in vain for years for the return of the lieutenant, who has already married an American back home. When Pinkerton eventually returns to Japan to collect his child, Butterfly stabs herself to death.

Puccini describes the exoticism of the milieu with sophisticated instrumentation and with outstanding sound colors that make this work – premiered in 1904 – one of the most popular and most touching stories in the operatic world. Eike Gramss' staging carefully shows the clash between two cultures in a dazzling Japanese world.

BACKGROUND

The American naval lieutenant Pinkerton is spending three months in Nagasaki on business. He meets the geisha Cio-Cio-San, whom everyone calls Butterfly. He finds her so fascinating that he immediately decides to marry her. Japanese law permits him to end the marriage at any time.


ACT I

Pinkerton has Goro, the marriage broker, show him the house he has rented for Butterfly and himself. The American consul Sharpless warns Pinkerton not to take Butterfly’s love lightly. Pinkerton ignores his advice and drinks with Sharpless to his future marriage to an American woman. – Butterfly brings her friends and relatives with her, and the wedding ceremony is performed quickly and without fuss by the registrar. Suddenly the priest appears and curses Butterfly for wanting to convert to Pinkerton’s faith. – Pinkerton sends the wedding guests away. He tenderly attempts to comfort Butterfly.


ACT II

Butterfly has been waiting unwaveringly for three years for Pinkerton to return from America. She is indignant that Suzuki, her maid, does not share her certainty. Sharpless visits Butterfly. He has received a letter from Pinkerton, who has asked him to prepare Butterfly for the fact that he will be returning to Japan but not to her, since he is now married. Butterfly is beside herself with joy to hear that there is news of Pinkerton and repeatedly interrupts Sharpless. He is unable to inform her of the letter’s true contents. – Goro brings Prince Yamadori to Butterfly; the prince wants to marry her. She mocks him for the many marriages he has entered into and then ended; she then rejects him. – Sharpless advises Butterfly to become Yamadori’s wife and to stop waiting for Pinkerton. She then shows Sharpless the child she bore after Pinkerton’s departure, insisting that he will come to his son and to her. Sharpless promises to tell Pinkerton about the child. – Suzuki pushes Goro into Butterfly’s house. He has been telling people that no one knows who the child’s father is. Butterfly wants to kill him. Suzuki stops her. – A cannon is fired, signalling the arrival of Pinkerton’s ship in the harbour. Butterfly and Suzuki decorate the house.


ACT III

Butterfly has spent the entire night waiting in vain for Pinkerton. Exhausted, she retires. While Butterfly is sleeping, Sharpless enters with Pinkerton and his wife, Kate. They have decided to take the child to America and to have it raised there. They want Suzuki to help them to convince Butterfly that this is the right decision. Pinkerton finds the situation unbearable and leaves. – Butterfly wakes up. She understands what they want of her. She asks that Pinkerton pick up his son himself. – Butterfly bids farewell to her child and then kills herself. When Pinkerton returns, he is not able to take the child with him. Sharpless leads the child away.

1887 veröffentlichte der französische Marine-Offizier und Schriftsteller Pierre Loti den Roman »Madame Chrysan- Thème«; eine autobiographische oder zumindest authentische Geschichte, denn Pierre Loti hatte als junger Mann selbst eine Japanerin in Nagasaki auf Zeit geheiratet und bei der Trennung mit einer Geldsumme abgefunden. Diese erste literarische Formung des »Butterfly«-Stoffes ist quasi die Urquelle von Puccinis Oper. Doch diesen Roman kannte Puccini nicht, als er sich zu seiner japanischen Tragödie entschloß.

Inzwischen hatte der Rechtsanwalt John Luther Long in Philadelphia »Madame Butterfly« geschrieben und in einem Magazin 1898 als Fortsetzungsroman publiziert. Die eher sentimentale als tragische Erzählung war so beliebt, daß David Belasco - Schauspieler, Dramatiker und Theaterdirektor - danach ein einaktiges Schauspiel verfaßte. Die Uraufführung im März 1900 am Harold Square Theatre New York wurde ein großer Erfolg. Belasco hatte nicht nur ein wirkungsvolles Drama geschaffen, sondern auch mit dem Selbstmord Cio-Cio-Sans den Konflikt wesentlich verschärft.
Aber auch davon wußte Puccini nichts, als er nach Beendigung von »Tosca« mit der gewohnten Ungeduld und Nervosität den nächsten Opernstoff suchte. Er setzte sich mit dem berühmten Dichter D’Annuncio in Verbindung, fand aber das in Erwägung gezogene Werk »Die Alchimisten« zu rauschhaft und betörend - »ich möchte auf den Beinen bleiben«. So wurde der Gedanke früherer Jahre an eine Oper um Marie Antoinette wieder erwogen (und verworfen), und ebenso geschah es mit »Die Elenden« von Hugo, Hauptmanns »Weber« oder »Die Sünde des Abbé Mouret« von Zola.

Da erhielt Puccini aus London von dem Manager der Covent Garden Opera den Rat, sich »Madame Butterfly« von David Belasco schicken zu lassen. Bevor es dazu kam, reiste Puccini im Herbst 1900 nach London zur Premiere seiner »Tosca« und hatte Gelegenheit, im Duke of York Theatre das Schauspiel als Gastspiel der Belasco-Truppe zu sehen. Belasco schrieb später über diesen Abend:
»Puccini kam zu mir hinter die Bühne, um mich zu bitten, ich möge ihn das Stück für ein Opernlibretto benutzen lassen. Ich sagte sofort zu... denn wie ist es möglich, mit einem impulsiven Italiener, der dir mit Tränen in den Augen und beiden Armen am Halse hängt, auch nur irgendwelche geschäftlichen Dinge zu besprechen«.
Wenn auch Belascos Schilderung bei dem bekannt zurückhaltenden Wesen Puccinis sehr unwahrscheinlich ist, so trifft ein anderer Satz eher die Wahrheit: »Ich glaube kaum, daß er das Stück wirklich gesehen hat, er hört nur die Musik, die er dazu schreiben wird«.

Trotz Belascos rascher Zusage dauerte es bis zum Sommer 1901, ehe Puccini den erforderlichen Vertrag bekam. Aber da hatte er längst mit der Arbeit begonnen - und auch die scheinbar unvermeidlichen Kontroversen mit den Textdichtern Luigi Illica, Giuseppe Giacosa und dem Verleger Giulio Ricordi waren mit voller Heftigkeit ausgebrochen. Zuerst sollte die Oper zwei Akte haben, einer würde in Amerika spielen, der andere in Nagasaki. Dann war eine 3aktige Fassung erarbeitet, gänzlich in Japan angesiedelt; als Schauplatz des letzen Aktes war das amerikanische Konsulat in Nagasaki vorgesehen. An diesem Punkt protestierte Puccini energisch und schrieb im November 1902 an Ricordi: »Ich bin sehr schlechter Laune gewesen, und wissen Sie warum? Weil das Textbuch, so wie es vorliegt, vom zweiten Akt ab (das heißt nach dem zweiten Akt) unmöglich ist... Jetzt aber bin ich überzeugt, daß die Oper zweiaktig sein muß! Erschrecken Sie nicht! Die Szene auf dem Konsulat war ein schwerer Fehler. Das Drama muß ohne Unterbrechung zu Ende gehen, knapp, wirkungsvoll und furchterregend! Wenn wir es bei den drei Akten belassen, gehen wir einem sicheren Fiasko entgegen«. Puccini setzte sich durch, obwohl Giuseppe Giacosa eindringlich vor der nun übermäßigen Länge des zweiten Aktes gewarnt hatte.

Immerhin war der Arbeitsfrieden wieder hergestellt und die Hälfte der Partitur fertig, als Puccini im Februar 1903 bei einem Autounfall schwer verletzt wurde. Die monatelange, sehr schmerzhafte Heilung sowie die Entdeckung der Diabetes waren für Puccini nicht nur hinderlich, sondern auch deprimierend. Erst am 27. Dezember konnte er den Freunden mitteilen, daß »Madame Butterfly« beendet ist.

Die Uraufführung am 17. Februar 1904 in Italiens bedeutendstem Opernhaus, der »Scala« in Mailand, endete mit einem Debakel. Genauer gesagt, sie begann schon damit, denn bereits nach wenigen Minuten gab es laute, ablehnende Zwischenrufe aus dem Publikum. Es ist viel über die Gründe für diese Niederlage nachgedacht worden. Lag es am Werk? War es organisierte Feindseligkeit oder einfach ein Unglück? Trotz so vieler Augen- und Ohrenzeugen konnte es nie aufgeklärt werden.
Puccini, obwohl völlig verstört, glaubte an sein Werk. Zunächst zog er es aber zurück und machte Korrekturen. Mehr als 400 Takte wurden gestrichen, die Melodie der Titelfigur, die wohl allzusehr nach »Bohème« klang, wurde wenig, aber entscheidend verändert, der tatsächlich zu lange zweite Akt geteilt; und Pinkerton, im dritten Akt musikalisch unterrepräsentiert, erhielt eine kleine Arie.

In dieser Fassung hatte »Madame Butterfly« am 28. Mai 1904 in Brescia Premiere. Mit Überlegung hatte man dieses »Provinz«-Theater ausgesucht, das zu einer Sensation nicht verpflichtet war, das aber nahe genug bei Mailand lag, um die gestrengen Kritiker anzulocken. Und nach so vielen Hindernissen, Umwegen und Enttäuschungen wurde »Madame Butterfly« und ihrem Komponisten ein Erfolg zuteil, der sich aus Ergriffenheit und Jubel untrennbar zusammensetzte. »Madame Butterfly« war geboren und, wie sich bald zeigte, weltweit lebensfähig. Die schöpferische Unrast konnte erneut beginnen...
Diesen und weitere Artikel finden Sie im Programmbuch.

In unserer ersten Unterhaltung über »Madame Butterfly« sagten Sie einen Satz, der wohltuend von dem mitleidvollen Klischee gegenüber der Titelfigur abwich. Sie sagten, daß »Butterfly« nicht nur Opfer männlicher Willkür, sondern auch ihrer eigenen Selbsttäuschung ist. Wie begründet sich das?

»Butterfly« hat eine sehr konkrete familiäre Situation nach dem Absturz der Familie durch das Harakiri ihres Vaters - Verarmung und gesellschaftliche Ächtung. Gegen die Bräuche ihres Standes ist sie in die Geisha-Situation geraten, notgedrungen. Sie kann sich als aufmerksames junges Mädchen vorstellen, was das in einer Hafenstadt mit ausländischen Matrosen bedeuten kann, wenn sie älter wird. Das Dasein einer Geisha hatte ja etwas sehr ambivalentes, und die Nähe zur Prostitution war nicht ganz auszuschließen. Sie muß also ganz dringend versuchen, aus dieser Situation herauszukommen. Man kann sich denken, was in dieser psychischen Notlage das Bild des fremdartigen Mannes bedeutet, der auch noch lohengrinartig auf dem Wasser kommt, von weit her, ganz anders als sie selbst. Sie ist also außerordentlich vorbereitet, jetzt in so einen Jungen maßlos viel hineinzuprojizieren über Zukunft, über anderes Leben, über Anders-Behandelt-Werden als Frau.

Könnte es sein, daß ihre Sehnsucht durch die Begegnung mit Pinkerton zum ersten Mal zur konkreten Hoffnung wird durch die Art, wie er sie behandelt, wie er sie höflich behandelt, wie er ihr erzählt über die Freiheiten amerikanischer Frauen?

Das ist der Punkt. Die Frau im Japan dieser Zeit war nicht nur unterdrückt, es gab auch eine fast schizophrene Trennung in die Frau für die Lust, die Kurtisane, die Frau für die Kultur, die Geisha, und die Frau für zu Hause, die zum Putzen und Kinderkriegen da war; die auch am gesellschaftlichen Leben kaum teilnehmen konnte, die also ganz grau irgendwo hinter Papierwänden versteckt war. Für eine Frau, die diese Art der Behandlung kennt, die historisch ja beschrieben ist, kann schon eine normale westliche Höflichkeit eine ungewöhnliche Aufwertung des Selbstwertgefühls bedeuten. Wenn der junge Mann auch noch Charme hat und durch das Geheimnis seiner Fremdartigkeit beeindruckt, dann ist die Liebe auf den ersten Blick - für ein Mädchen in »Butterflys« Lage - schnell da. Eine Wirkung nun wiederum, wie sie Pinkerton bei einem amerikanischen Girl, das seine Gefühle eher zu verbergen gelernt hat, niemals erreicht hätte. Durch »Butterflys« 15jährige Begeisterung blüht ihm etwas entgegen, was er zu Hause doch auch nicht kannte, so daß auch bei ihm etwas zu schwingen anfängt; er ist aber nicht bereit - und das ist das Dilemma - dieses Gefühl in eine anhaltende Verantwortlichkeit überzuführen. Also er ist nicht einfach der miserable Kerl, der sich kaltlächelnd ein Abenteuer kauft. Es ist durchaus so, daß dieser Pinkerton, so wie »Butterfly«, Illusionen hat, daß er das Bild der fremdartigen, exotischen Frau in sich trägt, mit der sich auch besonders intensive erotischen Erwartungen verbinden. Das alles will er erleben. Und bestimmt wird er in den drei Monaten, die er da ist, darauf bestehen, daß sie immer schön im Kimono und diesen Schühchen rumläuft und ihre Verbeugungen macht - das Bild soll stimmen. Sie aber will genau da raus. Ein erstes großes Mißverständnis passiert, wenn ihm »Butterfly« im ersten Akt mit amore mio um den Hals fällt; das beunruhigt ihn zutiefst, weil sie zuvor erzählt hat, sie möchte seine Religion annehmen, was er doch überhaupt nicht will.

Aber sie hat doch die Religion wirklich gewechselt.

Das ist die Frage. Sie hat sich im Missionshaus nur erkundigt, zu welchen Bedingungen sie wechseln kann. Und Pinkerton will das gar nicht. Ich glaube sogar, er verhindert den Religionswechsel während der drei Monate, die er bei ihr ist.

Setzt nicht der Fluch des Bonzen eigentlich voraus, daß sie schon den christlichen Glauben angenommen hat?

Er fragt nur, was hast du in der Mission gemacht - natürlich weiß er es - und das genügt, um sie zu verstoßen.

Das ist für »Butterfly« wie ein Schnitt ins Fleisch - den sie aber gewollt hat. Was bedeutet Fluch für Pinkerton?

Entscheidendes! Jetzt erst kapiert der Mann eigentlich, was es für sie bedeutet, diese Ehe einzugehen, selbst wenn sie zeitlich begrenzt ist, wovon er ja ausgeht. Am Anfang des ersten Aktes sagt er, ich werde sowieso eine Amerikanerin heiraten. Überhaupt ist er da sehr schnoddrig, arrogant, auftrumpfend, wenn er gleich seine Fahne aufpflanzt. Und dann kommt der Drehpunkt, durch den Bonzen. Plötzlich entsteht in dem Jungen eine ganz andre Zärtlichkeit für »Butterfly«, eine Vorsicht mit ihr, ein Respekt, wie es von ihm anfangs nicht zu erwarten war. Also er verändert sich, und zwischen den beiden entsteht wirkliche Zuwendung und Behutsamkeit und Nähe. Ich will damit sagen, ich wehre mich sehr gegen die simple moralische Klassifizierung des Pinkerton und der »Butterfly«. Es ist ja weder realistisch noch auf dem Theater spannend, wenn unsere moralischen Einordnungen - wer ist gut, wer ist böse, wer ist Täter, wer Opfer - eindeutig sind. Ich finde es schrecklich, wenn im Theater moralische, auch poetische Eindeutigkeit, etwa in unserem Fall in dem Sinn böser Kolonialist zerstört Mädchen aus der Dritten Welt angestrebt wird. Ich glaube, es gibt Züge in »Butterfly« - um das Opfer noch einmal aufzugreifen - seltsame Züge, fast nekrophile. Wenn sie den Dolch sieht und sich vorstellt, wie der Schmetterling an die Wand gepiekt wird, oder wenn sie sagt, sie könnte gleich sterben, weil das Glück zu groß ist - da scheint wirklich ein Trauma in ihr zu stecken. Als sie noch Kind war, hat es eine schreckliche Situation für sie gegeben, als der Vater im Haus in seinem Blut lag. Das ist das Bild, das sich eingebrannt hat in dem Kopf des kleinen Mädchens, und es ist eingebrannt mit der Wucht der Religion. Da wirkt etwas nach in ihr, was über die reine Lieblichkeit und Grazie hinausgeht, was sie auch zu diesem sehr fragwürdigen Akt mit dem Selbstmord und dem Kind treibt. Da ist sie schon eine, die aus ihrem Tod einen großen Abgang macht, und der soll so sein, daß sich alle noch lange daran erinnern.

Trotzdem denke ich, daß dieses Arrangement nicht nur Kalkulation ist...

...natürlich nicht nur...

...sondern sie hat inzwischen begriffen, daß seine Liebe zwar auch entstanden war, er sie aber trotzdem vergessen konnte.

Er wird es nie vergessen. Er kann aber mit dieser Tatsache ganz gut leben. »Butterfly« mußte wissen, wieviel so eine Ehe wert ist. Pinkerton wäre bestimmt gern noch ein paar Monate oder ein Jahr bei ihr geblieben. Er kann nur nicht über den Schatten seiner Kultur und seiner militärischen Ehre springen und z. B. den Befehl zur Abreise verweigern. Sein schlechtes Gewissen, das er zweifellos hat, beruhigt er, indem er die Miete bezahlt und Geld da läßt. Offenbar konnte »Butterfly« drei Jahre lang relativ sorgenfrei leben. Pinkerton kann nicht wissen - oder er macht sich keine Gedanken darüber -, daß ohne sein Geld für »Butterfly« der Abstieg, den sie sich in dem einen Arioso im zweiten Akt ausmalt, nun wirklich bevorsteht. Sie wird auf die Straße gehen, sie wird betteln und tanzen müssen, und die Tänze werden womöglich immer freier werden müssen, damit sie davon leben kann. Ihr Weg ist in wirklich grausamer Weise vorgezeichnet.

Sie hätte natürlich eine andere Chance, nein keine Chance, eine andere Möglichkeit, sie könnte den Fürsten Yamadori heiraten.

Nur heiratet der Fürst wie der berühmte Emir von Kuweit, der immer donnerstags geheiratet hat. Dann hat der Fürst zufällig seinen Palast in dem Geisha- und Kurtisanenviertel, d. h., man könnte vermuten, er ist so etwas wie ein fürstlicher Zuhälter. Jedenfalls ist er nicht unbedingt eine Person, der sich »Butterfly« anvertrauen kann, diese Ehe wäre nur ein Aufschub des Abstiegs.

Außerdem ist »Butterfly« in ihrer Liebe zu Pinkerton innerlich so gebunden, daß der Gedanke an einen anderen Mann überhaupt nicht mehr aufkommen kann, das wäre einfach absurd für sie.

Trotzdem - wenn eine Frau in ihrer Notlage ist und erkennen muß, daß diese Liebe einfach vorbei ist und das Kind weggenommen wird, da wäre es schon verständlich, wenn sie mit einem nüchternen Entschluß sagt, ehe ich betteln gehe, werde ich eben Frau Yamadori. Aber das schließt sich aus, sie ist in ihrer Liebe radikal.

Es ist ja das Große an ihr, und an vielen Frauenfiguren der Opernliteratur, daß sie in ihrer Liebe treu bleiben, auch wenn der Mann sie enttäuscht. Oder wenn irgend etwas diese Beziehung stört oder zerstört, daß sie nicht darauf aus sind, ihr Gefühl totzuschlagen, sondern auf dem Gefühl bestehen.

Ja, diese große weiblich Tugend kommt immer wieder vor, das hat die Opernkunst schon lange vor der Emanzipationsbewegung entdeckt. Und Puccini hat das ganz besonders tief erfaßt. Er ist ein Künstler, der für die großen und wahrhaftigen Gefühle nicht die große Heroine braucht. Seine Mimis und Musettas und »Butterflys« sind einfach Leute, und auch Cavaradossi z. B. ist nun mal kein Michelangelo. Darin besteht Puccinis Humanismus.