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Ein Gespräch mit Midori
Ein Interview mit Midori, der berühmten japanischen Geigerin, zu ihrem Konzert mit dem Deutschen Symphonie-Orchester Berlin am 13. Mai? Kein Problem, meint die freundliche Mitarbeiterin der Agentur, die Midori betreut. Also werden E-Mails geschrieben, Fragen geschickt, auf Antworten gewartet. Lange gewartet. Am Ende gibt es einige kurze Statements, mehr leider nicht. Denn: Midoris Terminkalender ist brechend voll. Voll nicht nur mit Konzerten überall auf der Welt – diese Saison z.B. mit der Sächsischen Staatskapelle Dresden und dem Boston Symphony Orchestra –, sondern auch mit Arbeit für die vielen verschiedenen Projekte und Initiativen, die Midori überwiegend selbst ins Leben gerufen und gegründet hat. Zum Beispiel für das International Community Engagement Program ihrer Organisation Music Sharing, für das sie junge Musiker aus der ganzen Welt zusammenbringt, um in Japan und einem weiteren asiatischen Land vor Menschen zu spielen, die wenig bis gar keinen Zugang zu westlicher klassischer Musik haben – meistens weil sie in unterentwickelten Regionen leben. Oder für ihre Aufgaben als UN-Friedensbotschafterin, wie sie sich seit 2007 nennen darf. Außerdem hält Midori regelmäßig Vorträge zur kulturellen Diplomatie und mit dem Projekt Midori & Friends erweitert die Geigerin den Musikunterricht an New Yorker Schulen. Und, ach ja, sie unterrichtet natürlich auch noch. Und spielt Kammermusik. Und hat ein Studium der Psychologie abgeschlossen. Und….Auf die Frage, wie sie bei solch einem vollen Terminkalender am besten entspannt, lautet Midoris Antwort: „Ich lese gern und schaue mir Dokumentationen an.“
Das klingt ziemlich lapidar, aber genau so funktioniert es vermutlich. Denn man kann sich sicher sein, dass Midori auch die Kunst des Abschaltens so gut beherrscht wie die vielen anderen Talente in ihrem Leben. Als sie 1994, mit 23 Jahren, nach einer frühen sehr steilen Karriere (manche würden sie sicherlich als Wunderkind bezeichnen – als 11-Jährige debütierte sie mit den New Yorker Philharmonikern unter Zubin Mehta) unter der Last des Perfektionsdrangs zusammenbricht, hilft ihr nicht nur eine Therapie, sondern auch, weiter zu arbeiten, Konzerte zu geben. Und ein Studium aufzunehmen.
Vielleicht ist es also gerade die Beschäftigung mit vielen verschiedenen Themen und Bereichen – Musik, Psychologie, Pädagogik –, die dem Charakter Midoris genau entspricht und die sie so erfolgreich sein lässt. So antwortet sie auch auf die Frage, wie es dazu kam, dass sie Psychologie studierte: „Das entwickelte sich ganz natürlich und ist dann immer weiter gewachsen.“
Auf ihrer Website veröffentlicht die Japanerin, die 1982 im Alter von 10 Jahren gemeinsam mit ihrer Mutter nach Amerika übersiedelte und seitdem dort lebt, regelmäßig Texte zu den Stücken, die sie in Recitals spielt. „Das mache ich bereits seit vielen Jahren und genieße es sehr. Denn es bietet den Zuhörern neben reinen Informationen zu dem Stück auch persönliche Einblicke in meine Arbeit.“
Bernsteins Serenade für Violine, Harfe, Schlagzeug und Streichorchester, die sie am 13. Mai mit dem DSO Berlin spielt, beschreibt sie als „Werk, das von Platons Erzählung ‚Symposion‘ inspiriert wurde, der ersten Abhandlung über die Liebe im Kanon der abendländischen Literatur. Die Komposition ist in 5 Sätze unterteilt und wurde Isaac Stern gewidmet, der es auch zur Uraufführung brachte. Es ist ein dramatisches, leidenschaftliches und spannendes Werk.“
Und es begleitet Midori bereits lange! Sie spielte es bei ihrem Debüt beim Tanglewood Sommerfestival 1986 mit dem Boston Symphony unter der Leitung von Leonard Bernstein selbst. Der Auftritt der 14-Jährigen blieb nicht nur wegen des großen Erfolgs in Erinnerung, sondern auch, weil der Geigerin zweimal die hohe E-Saite riss – zuerst an ihrem eigenen Instrument, dann auch noch am Ersatzinstrument, das ihr der Konzertmeister des Orchesters, wie es üblich ist, reichte. Midori blieb erstaunlich gelassen und spielte das Konzert ohne Unterbrechung zu Ende. Später beschrieb sie, dass alles so schnell gegangen sei, dass sie gar keine Zeit gehabt hätte, nervös zu werden. Eine Episode, die mehr ist also nur eine schöne Anekdote. Zeigt sie doch, wie leidenschaftlich die Geigerin mit der Musik verschmilzt, und wie sie im Stande ist, alles andere auszublenden. Bernstein, der in diesem Jahr seinen 100. Geburtstag feiern würde, schätzte genau dies an Midori – passte es doch so gut zu seiner eigenen Art zu musizieren.

Text: Renske Stehen
(c)