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Interview mit Eduardo Lao zur Premiere „Don Quixote“ des Staatsballetts Berlin
Am 16. Februar 2018 feiert „Don Quixote“ in der Choreographie von Víctor Ullate Premiere an der Deutschen Oper Berlin. Eduardo Lao, Künstlerischer Leiter des in Madrid ansässigen Víctor Ullate Ballet, studiert das Werk mit dem Staatsballett Berlin ein. Ab 1988, in seiner Zeit als Solo-Tänzer des Víctor Ullate Ballet, hat Lao alle wichtigen Männerrollen in diesem Stück getanzt. Seit 1991 arbeitet er als Choreograph. 2012 wurde er mit dem „El Público”-Preis für darstellende Kunst ausgezeichnet. Wir haben ihm Fragen zu Werk und Choreographie gestellt.

In „Don Quixote“ findet man einige der schönsten Partien des klassischen Balletts. Doch getanzt werden sie weder von „Don Quixote“, dem Ritter von der traurigen Gestalt, der dank übermäßiger Lektüre von Ritterromanzen durch eine Wahnwelt aus Widersachern und imaginärer Minne zieht, noch von Sancho Pansa, seinem treuen Diener, der ihn immer wieder aus brenzligen Situationen retten muss. Wem gehören die großen Partien?
Das Ballett erzählt vor allem die Liebesgeschichte zwischen der schönen, cleveren Wirtstochter Kitri und Basil, dem jungen Barbier des Dorfes. Zur Premiere werden sie von Polina Semionova und Marian Walter getanzt. Es gibt einen reichen Nebenbuhler, einen auf Sicherheit bedachten Brautvater, eine nächtliche Flucht und so weiter. Im Roman von Miguel de Cervantes ist das nur eines von vielen Kapiteln. Im Ballett sind Kitri und Basil aber die Hauptfiguren und haben berühmte, physisch extrem herausfordernde Passagen wie den Hochzeits-Pas-de-deux im letzten Akt.

Welche Funktion hat dann Don Quixote, wenn sich die Tanzhandlung in erster Linie um das junge Liebespaar spinnt? Wird ihm sein Wahn am Ende zum Verhängnis?
Er ist eine Art Dirigent, der die Phantasiewelt auf der Bühne durch seine schiere Anwesenheit aufrechterhält. Gemeinsam mit Sancho Pansa versucht er auf seine verrückte Weise zu verstehen, was sich um ihn herum entfaltet. Sein Darsteller drückt sich nicht durch Tanz aus, was für einen Tänzer sehr schwierig ist. Im Gegensatz zu den meisten rein klassischen Balletten ist „Don Quixote“ aber ein sehr menschliches, heiteres Stück: Das Liebespaar findet zusammen und der Rivale stellt sein Herrenhaus für das große Hochzeitsfest zur Verfügung. Don Quixote blättert ein neues Kapitel in seinem Ritterroman auf und zieht mit Sancho Pansa ins nächste imaginierte Abenteuer.

Ein weltbekannter spanischer Stoff, ein spanischer Choreograph und Sie, ein spanischer Ballettmeister – welche persönliche Bedeutung hat dieses Heimspiel für Sie?
„Don Quixote“ ist ein klassisches Ballett, aber eines der wenigen, die spanisches „Parfum“ verströmen. Für mich ist es etwas Besonderes, weil ich bereits dabei war, als die Choreographie von Victor Ullate geschaffen wurde. Ich habe alle wichtigen Männerrollen selbst interpretiert und kann daher das physische Verständnis in jedem Einzelfall genau weitergeben. Allgemein ist mir wichtig, den Tänzern eine Vorstellung des authentisch spanischen Charakters zu vermitteln. In den meisten Inszenierungen gelingt das bei diesem Stück nämlich nicht, es wird dann zum Klischee.

Was macht diesen authentisch spanischen Charakter aus?
Das „Goldene Zeitalter“ von Cervantes und seinen Geschöpfen war natürlich eine andere Epoche – die Spanier waren damals bitterarm. Und doch versuchen wir damals wie heute, die kleinen positiven Momente im Leben zu genießen und uns daran zu erfreuen. Heute würde man sagen, um gute Energie zu generieren. Diese Haltung müssen die Tänzer auch aufs Publikum übertragen.

Sie selbst haben als Junge in Granada mit Flamenco begonnen und später in Madrid klassischen Tanz studiert. Worauf achten Sie bei der Arbeit mit rein klassisch geschulten Tänzern?
Die spanische Schule, Flamenco und Escuela Bolera, wird von vielen Choreographen zu folkloristisch, „unsauber“ und unkontrolliert angegangen. Zu diesen Tänzen gehört aber sehr viel 'chispa' – eine Art Fluidum, etwas Elegantes, das man mit den Augen und nicht mit dem Körper ausdrückt. Was nur zwei Menschen teilen, die einander in diesem Moment verstehen. Ich möchte, dass die Tänzer ihren Rollen elegante Ernsthaftigkeit geben. Blicke, Armhaltungen und Bewegungen sind im spanischen Sinne um so realistischer, je eleganter sie sind. Weniger ist mehr. Die 'gitanos' im 2. Akt tanzen bei uns zum Beispiel einen Fandango ganz ohne Musik, der Rhythmus wird lediglich geklatscht – damit sind sie echte Spanier, keine Ungarn wie in anderen Choreographien.

Interview: Annette Zerpner

(c) Yan Revazov