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Über Tyrannen und Machtstrukturen - Im Gespräch mit Christof Nel
Er begann am Schauspiel, doch seit seinem Operndebüt 1983 gehört Christof Nel zu den bekanntesten deutschen Musiktheaterregisseuren. Nachdem er in Berlin schon an der Komischen und an der Deutschen Oper inszeniert hat, gab er jetzt mit Händels Oratorium „Belshazzar“ sein Debüt an der Staatsoper Unter den Linden. Premiere der Produktion unter der musikalischen Leitung von René Jacobs war am 1. Juni.


Foto: Monika Rittershaus

Herr Nel, bei der Probe vorhin sind Sie sehr sanft mit den Sängern umgegangen. Gar nicht so autoritär, wie man es von einem Regisseur erwarten würde.

Nel: Für mich macht es nur Spaß, mit anderen Menschen auf Augenhöhe zu arbeiten. Auch wenn ich mich natürlich vorbereite und bei Probenbeginn für jede Szene einen Plan vorbereitet habe, entsteht das Ergebnis immer aus einem Dialog. Das ist auch schon bei der Konzeption mit meiner Mitarbeiterin Martina Jochem so: Wir fragen und hinterfragen jedes Stück immer weiter, bis wir bei etwas Grundsätzlichem angekommen sind.

Gibt es da eine Art Grundmuster, bestimmte Fragen, die Sie immer stellen?

Nel: Unsere zentrale Frage ist: Wie äußern sich Konflikte in Beziehungen? Bei Händels „Belshazzar“ heißt das zum Beispiel, dass wir versuchen, von der obersten Handlungsschicht der babylonischen Kriegsgeschichte auf eine andere Ebene zu kommen. Das ist erstmal die Frage, ob man einen Menschen ermorden darf, nur weil er ein Tyrann ist. Lädt man da nicht Schuld auf sich, auch wenn man Recht hat? Und dann schaut, man, wie die Figuren des Stücks die Frage beantworten: Belshazzars Mutter zum Beispiel, die mit ihm zusammen herrscht, gibt zu, dass ein neues Regime her muss, aber lehnt den Mord an ihrem Sohn ab.

Die Frage ist ja ziemlich aktuell, wenn man an moderne Gewaltherrscher denkt.

Nel: Sicher, aber solche Analogien und tagespolitischen Parallelen sind nicht mein Weg. Wenn ich einfach sage, Belshazzar ist Saddam Hussein, dann lädt man das Problem doch einfach ab, kann mit dem Finger auf den Sündenbock zeigen und ist die Sache bequem losgeworden. Ich muss mich doch eher fragen: Was ist überhaupt ein Tyrann? Kann das nicht auch ein prügelnder Familienvater sein, der seine Gewaltbereitschaft nicht im Griff hat? Oder ein Chef, der seine Untergebenen missbraucht?

Also zum Beispiel ein Opernregisseur, der seine Assistenten scheucht?

Nel: Natürlich kenne ich als Regisseur und als Familienvater die Verlockung, einfach die bestehenden Machtstrukturen auszunutzen. Jeder hat in sich doch diese Seite, andere unterdrücken zu wollen. Und deshalb kann sich auch jeder ein wenig in Belshazzars Handeln wieder finden.

Was den Tyrannen ja eigentlich sympathisch macht.

Nel: Klar, als Sohn, der mit seiner Mutter motzt und sich ihrem Einfluss entzieht, ist er sympathisch. Als Herrscher überschreitet er im Umgang mit Gefangenen dagegen die Grenzen des Vertretbaren.


Foto: Monika Rittershaus

Eigentlich ist der „Belshazzar“ ein Oratorium, also gar nicht für die Bühne gedacht. Ist das nicht erstmal ein Hindernis?

Nel: Ganz im Gegenteil – das Stück ist deshalb viel näher an modernem Theater. Man kann es als eine Art Materialsammlung sehen, die ganz andere Dispositionen ermöglicht als eine Oper, bei der die Rollenverteilung genau festliegt. Das ist zum Beispiel der Chor, der die Perser, die Babylonier und die Juden darstellt: ein Chorkörper, der die unterschiedlichsten Positionen einnimmt und Unterdrückte wie Unterdrücker repräsentiert. Das ist wie eine Gemeinde, die erst „Kreuziget ihn!“ ruft und dann „Oh Haupt voll Blut und Wunden“ singt. Die Konflikte finden in der Mitte der Gruppe und nicht in Abgrenzung zu anderen statt. Dadurch ist ein ganz anderer gesellschaftlicher Diskurs möglich.

Aber zugleich bedeutet die Form des Oratoriums doch auch, dass die Bilder nur im Kopf entstehen sollen.

Nel: Deshalb haben wir auch ein sehr zeichenhaftes Bühnenbild. Eine hohe Wand, die durch ihre Bewegungen Gefühle von Weite und klaustrophobischer Enge entstehen lässt, und ganz einfache Gegenstände mit hohem Symbolwert wie Schwert, Krone, Thron. Außerdem betonen wir den kultischen Charakter des Stücks, indem wir den Eindruck erwecken, dass alle Mitwirkenden die ganze Zeit über auf der Bühne sind – wie der Chor in der griechischen Tragödie.

In Berlins Opernhäusern ist von Ihnen auch der „Freischütz“ zu sehen – eine Arbeit, die inzwischen schon acht Jahre alt ist. Was kann nach einer so langen Zeit von Ihrer ursprünglichen Arbeit noch übrig sein?

Nel: Das ist ganz unterschiedlich. Wenn ich ältere Inszenierungen von mir besuche, stelle ich oft fest, dass sich die Struktur verändert hat. Das ist gar nicht unbedingt negativ, sondern gewissermaßen ein Verdauungsprozess, der mit jeder Aufführung weitergeht. Nachdem ich meine Arbeit getan habe, eignen sich die Sänger die Produktion gewissermaßen noch einmal an. An der Komischen Oper hat man mir übrigens sogar angeboten, die Wiederaufnahme des „Freischütz“ selbst zu übernehmen. Das hat zwar terminlich nicht geklappt, aber ich fand das sehr nobel. Wenn ich es schaffe, werde ich in eine Vorstellung gehen – und wenn es nur ist, um zu merken, wie ich selbst mich in der Zwischenzeit verändert habe.

Das Gespräch führte Jörg Königsdorf.