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Nackte Beine ohne Tutu - Im Gespräch mit Jodie Gates

Sie ist Tänzerin, Choreografin, Festivalchefin und sogar Professorin für Tanz: Jodie Gates gehört zu den wichtigsten Frauen der US-amerikanischen Tanzszene und beherrscht das klassische Ballett ebenso wie den Modern Dance. In Deutschland war die Kalifornierin bislang hauptsächlich als Solotänzerin von William Forsythes Frankfurter Ballett bekannt –doch auf Einladung von Vladimir Malakhov; Intendant des Staatsballetts Berlin, präsentiert sich Jodie Gates nun auch als Choreografin: Im Rahmen des dreiteiligen Ballettabends „With/out Tutu“ wird ihre neue Arbeit „Courting the Invisible“ uraufgeführt. Premiere ist am 18. Mai in der Staatsoper Unter den Linden.

Mrs. Gates, können Sie sich noch an Ihr erstes Tutu erinnern?

Gates: Natürlich. Ich war damals sechs und tanzte in einem Stück den ersten Sonnenstrahl. Deshalb war das Tutu sogar aus Gold und ich war irrsinnig stolz. Ich habe mich gefühlt wie eine Prinzessin.

Ist das Tutu eigentlich immer noch für kleine Mädchen ein Impuls, tanzen zu wollen?

Gates: Ich glaube, jedes Mädchen träumt davon, eine Prinzessin zu sein. Aber der wichtigste Grund, aus dem Kinder tanzen, ist letztlich, dass es für sie einfach ganz natürlich ist, sich zu Musik zu bewegen. Außerdem denke ich, dass die Verführungskraft des Tutu heute nicht mehr so groß ist, weil der Tanz selbst heute viel mehr Möglichkeiten hat. Und was Kinder fasziniert, ist ja nicht nur das eigene Kostüm, sondern vor allem das Theater selbst mit seinen Farben und seiner Magie.

Bei Tutus denken wir automatisch an mädchenhafte, jungfräuliche Gestalten. Passt dieses Röckchen überhaupt zu erwachsenen Frauen?

Gates: Für uns heute ist das Klassische Ballett die Essenz der reinen Schönheit und das Tutu unterstreicht diesen ätherischen Charakter des Frauenbilds ganz generell, egal ob es sich um Mädchen oder Frauen handelt. Gleichzeitig darf man aber auch nicht vergessen, dass so ein Tutu die Frauen nicht nur zart, sondern auch sexy macht. Wenn man so ein Teil trägt, kommt man sich ziemlich nackt vor, die Beine und auch die Technik einer Tänzerin liegen völlig frei. Ob man da noch eine dünne rosa Strumpfhose trägt oder nicht, macht eigentlich keinen Unterschied. In der Choreografie von William Forsythe, die zusammen mit meiner Arbeit gezeigt wird, tragen die Tänzerinnen übrigens Tutu zu nackten Beinen. Und bei mir gibt es dann nackte Beine ohne Tutu.

Und bei Ihnen? Immerhin haben Sie sich für „Courting the Invisible“ Musik von Felix Mendelssohn und seiner Schwester Fanny ausgesucht – Stücke aus der romantischen Tutu-Ära.

Gates: Dennoch wird es bei mit nur nackte Beine und durchsichtige Kostüme geben – aber kein Tutu. Mich reizt es gerade, klassische Musik mit modernem Tanz zu konfrontieren und einen Weg zu finden, die Strukturen und Gefühle der Musik auf eine heutige Weise umzusetzen. In meinem Stück beginnen die Tänzer beispielsweise mit ganz klassischen Schritten und Positionen, aber dann wird dieses Vokabular völlig auseinandergenommen.

Die Musik von Fanny Mendelssohn ist selbst bei Klassik-Kennern ziemlich unbekannt. Wie sind Sie eigentlich darauf gekommen?

Gates: Mich hat Fannys Leben fasziniert: Eine enorm begabte Frau, die ihre Werke aber nur unter dem Namen ihres Bruders veröffentlichen konnte und die kaum Gelegenheiten bekam, ihre Kreativität öffentlich zu zeigen. Und das, obwohl sie ganz wunderbare Klavier- und Kammermusik geschrieben hat. Und ein Stück weit kann ich mich sogar in ihr wieder finden: Überlegen Sie doch mal, wie viele Choreografinnen es heute in der Szene gibt – im Jahr 2008! Aber damit keine Missverständnisse aufkommen: Diese biografischen Bezüge spielen in „Courting the Invisible“ keine Rolle. Das wird ein völlig abstraktes, intimes Stück über die glücklichen Seiten des Lebens.

Bei dem Abend des Staatsballetts wird ihr Stück mit einer Arbeit von William Forsythe kombiniert, in dessen Compagnie Sie lange getanzt haben. Ist „Courting the Invisible“ so etwas wie Ihre Antwort auf Forsythe?

Gates: Nein, beide Stücke sind absolut unabhängig voneinander, auch wenn mich meine Zeit bei Forsythe natürlich beeinflusst hat. Als ich aus Amerika kam, wo ich schon etliche Jahre als Primaballerina getanzt hatte, öffnete die Arbeit mit ihm meine Augen für eine völlig neue Art von Bewegung. Er ist sozusagen mein Freund, Bruder und Vater in einem.

Das Staatsballett gilt als Compagnie mit klassisch orientierten Tänzern. Inwiefern haben Sie bei Ihrer Choreografie darauf Rücksicht genommen?

Gates: Ich komme ja selbst vom klassischen Ballett und dieser Stil ist für mich so selbstverständlich wie ein Teil meines Körpers. Deshalb ist es für mich auch leicht, mit den Tänzern zu arbeiten. Außerdem hat das Staatsballett sich in den letzten Jahren schon ein Repertoire an modernem Tanz aufgebaut – und den Tänzern fällt es nicht mehr schwer, Risiken auf sich zu nehmen und ihre Fantasie mit einzubringen.

Das Gespräch führte Jörg Königsdorf.