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Feuergötter in Berlin - Kristjan Järvi lässt die Funken fliegen
Kristjan, wenn man Dir beim Proben zuschaut, bekommt man den Eindruck, dass es Dir ganz wesentlich darum geht, den Musikern ein Gefühl für den Rhythmus zu vermitteln.

Järvi: Stimmt, das ist für mich tatsächlich das Wichtigste: Die Musik muss pulsieren und atmen – und die Musiker müssen den Groove spüren. Es reicht doch nicht, wenn ein Dirigent bloß darauf achtet, dass alle präzise zusammenspielen. Das sollte doch eigentlich selbstverständlich sein. Mein Ziel ist, dass die Musiker sich wieder daran erinnern, warum sie eigentlich angefangen haben, ihr Instrument zu spielen. Und ich bin mir sicher, sie alle haben angefangen, um damit ihrem Publikum etwas mitzuteilen – und nicht nur, um die richtigen Noten zum richtigen Zeitpunkt zu treffen.

Das klingt eigentlich selbstverständlich, scheint aber doch nicht so einfach zu sein.

Järvi: Natürlich liegt da die ganze Erziehung dazwischen. Die Art, wie Orchester getrimmt werden, ist sicher effektiv, aber sie ist nicht das, was die Musik braucht. Musiker sollen das spielen, was sie fühlen, nicht das, was sie gelernt haben.

Wie im Jazz und Rock?

Järvi: Klar, ein Orchester soll nichts anderes sein als eine riesige Band – hundert Leute mit dem gleichen Feeling. Natürlich ist das eine Riesenherausforderung, aber wenn so ein Super-Big-Band-Gefühl einmal da ist, ist das sowohl für das Publikum wie für die Musiker eine überwältigende Erfahrung.

Das klingt, als seiest Du selbst stark von der U-Musik beeinflusst.

Järvi: Ich glaube einfach, dass wir unsere Gegenwart nicht ignorieren können. Wir können uns nicht darauf verlassen, dass das Publikum jede langweilige Beethoven-Aufführung frisst, weil es nun mal Kultur ist. Damit die Leute nicht nur noch den IPod einstöpseln, müssen wir ihnen im Konzert ein echtes Erlebnis bieten. Und da geht es weniger um das Programm, sondern vor allem darum, wie wir spielen.

So wie Mahler sagte: Tradition ist nicht die Pflege der Asche, sondern die Weitergabe des Feuers.

Järvi: Genau. Ich habe neulich mit Joe Zawinul von Weather Report gearbeitet, und der hat mir eine Aufnahme mit Brahms-Variationen vorgespielt, die er zusammen mit Friedrich Gulda gemacht hat. Das war ein Brahms, wie ich ihn noch nie vorher gehört hatte: Total frei und damit genau dem kreativen Geist von Brahms gerecht werdend. Aber diese Mischung aus Wissen und Selbstvertrauen im freien Umgang mit der Musik findet sich heute eben hauptsächlich im Jazz und Rock.

Du hast bisher fast nur CDs mit zeitgenössischer Musik gemacht. Geht es da leichter, sich frei zu spielen?

Järvi: Das hatte bei mir mehr persönliche Gründe. Ich bin als Teenager in der New Yorker Musikszene aufgewachsen, und da haben mich und meine Freunde erstmal solche Sachen wie Rap interessiert – und wie moderne Komponisten mit diesen Einflüssen umgehen. Aber jetzt, wo ich als Dirigent etabliert bin, gehe ich auf die Klassik zu – meine nächste Aufnahme werden Haydns Pariser Sinfonien sein. Ich glaube, dass Haydn und Beethoven ebenso grooven können und müssen wie Frank Zappa und Astor Piazzolla.

Hat da eigentlich auch pubertäre Rebellion mitgespielt, dass Du nicht gleich wie Dein Vater Neeme und Dein Bruder Paavo die klassische Dirigentenlaufbahn eingeschlagen hast?

Järvi: Überhaupt nicht. Im Gegenteil: Wenn bei uns zu Hause nur klassische Musik gespielt worden wäre, wäre ich heute nicht der Musiker, der ich bin. Von seinen Konzertreisen hat mein Vater immer Platten mitgebracht: Frank Sinatra, Jazz, aber auch Abba. Das hat uns schon deswegen fasziniert, weil es West-Musik war. Schließlich gehörte Estland damals noch zur UdSSR. Und als ich acht war, sind wir dann ja auch nach New York gezogen. Und was meinen Bruder angeht. Der ist zehn Jahre älter als ich und hat einfach einen anderen Zugang zur Musik – Paavo gehört zum „Klassiker-Club“, während mich immer die ganze Vielfalt der Musik fasziniert hat, die heute gemacht wird.

Liegt das auch daran, dass die zeitgenössischen Komponisten schlicht nicht mehr so großartig sind. Marek Janowski hat in einem Interview gesagt, man müsse sich damit abfinden, dass es im Augenblick keine Genies wie Beethoven und Mahler gibt.

Järvi: Da ist sicher was dran. Wenn Beethoven eine neue Sinfonie spielte, konfrontierte er sein Publikum mit einer Extremerfahrung: Manche waren entsetzt, andere im siebten Himmel. Welcher Komponist kommt da heute noch ran? Die wirklich wichtigen Musiker der letzten Jahrzehnte waren Bob Dylan und Frank Zappa.

Das sind ja keine guten Aussichten.

Järvi: Immerhin gibt es Komponisten wie John Adams oder Mark-Anthony Turnage, die wissen, dass sie ihre Musik für das Publikum schreiben müssen. Denn wer etwas zu sagen hat, muss es so ausdrücken, dass die Leute ihm zuhören. Und zwar so, dass sie diese Musik vielleicht ganz zufällig im Radio hören und einfach dabeibleiben, weil sie merken, dass sie das etwas angeht. Aber damit hier keine Missverständnisse auftauchen: Für mich ist die klassische Musik die größte, die es gibt. Nur muss man sie hin und wieder etwas updaten.

Das Gespräch führte Jörg Königsdorf.
(c)