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Interview mit Justin Doyle
Er ist „der Neue“. Der, auf den alle gespannt sind und über den noch niemand so richtig etwas weiß. Denn Justin Doyle, designierter Chefdirigent des RIAS Kammerchors, ist bislang vor allem in seiner Heimat Großbritannien aufgefallen: als Operndirigent in Leeds, als Chef verschiedener Orchester und Chöre in Lancaster, Manchester und Newcastle. Dazu hat er einige Preise gewonnen, wurde ausgezeichnet mit einem Conductor Fellowship der BBC Singers – es läuft für ihn dort drüben in Großbritannien. Was also hat ihn bewogen, nach Berlin zu kommen und einen der renommiertesten Chöre hier zu übernehmen, wo er doch eigentlich gar kein Chordirigent ist?

Ich habe lange nach der richtigen Position gesucht, denn ich möchte auf keinen Fall ein Diktator am Dirigentenpult sein, sondern lieber eine Art Mannschafts-Coach. Und das passt zum Glück total gut zum RIAS Kammerchor. Das habe ich gleich bei unserem ersten Treffen vor etwas über einem Jahr gemerkt, die Chemie stimmt. Denn die Sängerinnen und Sänger möchten zusammen Dinge entdecken, sie haben Leidenschaft für das, was sie tun und sind gleichzeitig sehr musikalisch. Oft ist es nämlich so, dass man auf sehr gute Sänger trifft, die allerdings keine besonders ausgeprägte Musikalität besitzen oder anders herum. Beim RIAS Kammerchor bekomme ich beides! Gerade deswegen ist es so faszinierend, mit ihm zu arbeiten. Der Chor ist sehr flexibel und mir scheint, man könne mit ihm alles machen.

Den Beweis dafür tretet Ihr ja gleich gemeinsam an, denn bei Eurem ersten gemeinsamen Konzert am 1. Januar 2017 erklingt Händels Oratorium „Theodora“. Ein Werk, das man eher nicht kennt und zu dem es eine in diesem Fall lustige Anekdote gibt. Denn Händel beschwerte sich nach der Uraufführung in London über das engstirnige Publikum, das sein Oratorium nicht verstünde.Und jetzt kommt ein Brite daher, um dem Berliner Publikum dieses Stück nahezubringen?

Ach, so war die Geschichte gar nicht. Händel wusste schon vorher, dass keiner kommen würde. Denn „Theodora“ basiert nicht – wie sonst die meisten Oratorien – auf einer Geschichte aus dem Alten Testament, sondern auf einer Geschichte aus dem 4. Jahrhundert nach Christus. Händel war klar, dass keine Frauen kommen würden, weil die Heldin der Geschichte zu brav und zu tugendhaft ist. Die Juden würden auch nicht kommen, so Händel, weil es keine Geschichte aus dem Alten Testament ist.Tatsächlich kam kaum jemand zu den Aufführungen. Und als ihn dann nach dem Konzert auch noch ein Musiker fragte, ob er vielleicht Freikarten für den „Messias“ bekommen könne, ist Händel der Kragen geplatzt. Denn er war unglaublich stolz auf „Theodora“, viel stolzer als auf den „Messias“ – der aber nun einmal viel berühmter war.

War er zu Recht stolz?

Auf jeden Fall! Händel war vor allem stolz auf den Finalchoral des zweiten Teils. Das Publikum, das am 1. Januar 2017 zu uns in die Philharmonie kommt, darf natürlich keinen langweiligen Händel erwarten. Es ist nicht nur irgendein schönes Chorstück, sondern vielmehr eine dramatische Oper. Das Schöne am Chor, im Gegensatz zur reinen Orchestermusik, ist ja, dass es Texte gibt, die immer eine Aussage haben, eine Botschaft vermitteln. „Theodora“ handelt von Verfolgung, aber auch von guten Vorsätzen.

Das passt ja gut zum 1. Januar!

Genau. Ich finde es fantastisch, mich mit einem Neujahrskonzert in Berlin vorstellen zu dürfen. Denn auf diese Weise habe ich die Gelegenheit, etwas so Traditionelles wie das Neujahrskonzert, mit etwas Neuem, Ungewöhnlichem zu gestalten. Und Händels „Theodora“ ist dafür genau das richtige Werk.

Das klingt wirklich danach, als hättest Du Lust auf Veränderungen.

Ja, auf jeden Fall! Aber ich werde nicht alles rigoros ändern. Ich möchte eher ein neues Licht auf das eine oder andere werfen.

Und was ist Dein Tipp für den Silvesterabend? Gibt es eine wilde Partynacht vorm Konzert?

Das geht natürlich nicht, aber ich habe etwas mindestens genauso Gutes vor: Ein Date mit meiner Frau, die extra aus Großbritannien kommt.

Das Interview führte Renske Steen

© Matthias Heyde
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