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Interview mit Adam Benzwi zu »Die Perlen der Cleopatra« an der Komischen Oper Berlin
Die Begeisterung für das Berlin der 1920er Jahre ist gerade wieder total angesagt. Swing tanzen, rauschende Feste feiern, sich die Haare in Wasserwellen legen, an der Zigarettenspitze ziehen – klingt ein bisschen nach Verkleidung? Nicht für Adam Benzwi! Der Pianist und Dirigent, der auch Musikalischer Leiter des Studiengangs Musical/Show an der Universität der Künste ist, hat bereits mehrere schillernde Operetten aus der Zeit musikalisch wieder zu neuem Leben erweckt. Nach »Ball im Savoy« und »Eine Frau, die weiß, was sie will!« feiert nun am 3. Dezember »Die Perlen der Cleopatra« von Oscar Straus, in der das schöne ägyptische Staatsoberhaupt mit allerlei Raffinessen Kriege abzuwenden versucht, an der Komischen Oper Berlin Premiere. Barrie Kosky führt Regie, Adam Benzwi dirigiert das Orchester. Und? Hätte der in San Diego geborene Musiker nicht eigentlich viel lieber im Berlin der 1920er Jahre gelebt?

Das hätte ich wirklich sehr gern! Ich habe eine starke Verbindung zu dieser Zeit. Wenn ich mit meinen Studenten Stücke von Friedrich Hollaender einübe und sie von den Songs begeistert sind, dann habe ich das Gefühl, Hollaender ist im Raum und gibt uns seinen Segen. Oder wenn ich vor einer Vorstellung nervös bin, dann denke ich an Fritzi Massary und habe das Gefühl, sie spricht mir Mut zu.

Sie gelten ja mittlerweile fast als so eine Art "Trüffelschwein" für die Operetten aus dieser Zeit. Wie kommt es denn überhaupt, dass diese Werke in Vergessenheit gerieten und man sie heute erst mühsam wiederfinden muss?

Ich glaube, dass die amerikanische Besatzung nach dem Zweiten Weltkrieg dazu geführt hat, dass vor allem amerikanische Musik als gut, als sexy, lebendig und berührend galt. Außerdem hatte man dieses große Bedürfnis nach Harmonie, wodurch vieles aus den 20ern ein bisschen weichgespült wurde. Später in den 1970er Jahren fanden die Leute die Versionen aus den 50ern von diesen Stücken einfach nur geschmacklos.

Und heute?

Vielleicht haben die Leute genug von dieser amerikanischen rauschhaften, stimmungsvollen Oberflächlichkeit? Und stehen jetzt mehr zu ihrem eigenen, deutschen Humor? Ich weiß es nicht. Ich selber liebe es auf jeden Fall, wenn Lieder Pointen haben, wenn es Lacher gibt. Diese Wortspiele! »Meine kleine Liebesflöte« ist zum Beispiel ein Lied aus »Die Perlen der Cleopatra«. Jeder weiß doch, was damit gemeint ist. Dieser Humor, der mit der deutschen Sprache möglich ist, ist so einzigartig. Nie sollten die Deutschen sich sagen lassen, sie hätten keinen Humor!

In welchem Zustand sind diese Stücke, die so lange nicht aufgeführt wurden? Was gibt es da vielleicht für Probleme, wenn man sich entscheidet, ein solches Stück wie »Die Perlen der Cleopatra« wieder aufzuführen?

Es gibt Schwierigkeiten, aber auch große Gelegenheiten. Die größte Schwierigkeit ist, dass die Noten oft sehr chaotisch sind. Damals wurde viel produziert und nicht so großer Wert darauf gelegt, dass das Notenmaterial exakt ist. Es gibt viele Fehler, man weiß nicht genau, was der Komponist an diesen oder jenen Stellen wirklich gemeint hat. Diese Ungenauigkeit ist gleichzeitig aber auch eine Gelegenheit. Denn kein Mensch kennt heute diese Dinge, es gibt keine Erwartungen und wir können unglaublich kreativ sein. Wir können das Stück für uns, für unsere Fähigkeiten einrichten.

Und was ist das Besondere an der »Cleopatra« à la Komische Oper?

Es wird sehr unterhaltsam, auch berührend, auf jeden Fall sehr komödiantisch. Das Einmalige ist aber, dass Orchester und Chor dazu ganz fein musizieren.Die spielen ja sonst viel Mozart und das ganze klassische Repertoire. Man könnte »Die Perlen der Cleopatra« auch am BKA-Theater machen, rein als Kabarett-Nummer mit einer entsprechenden Band. Aber nein, bei uns bekommt die »Cleopatra« diese besonderen zwei Seiten: sie ist kultiviert und anzüglich zugleich.

Wie wirkt so etwas in einer Zeit, in der ‚Sex sells‘ gilt, Pornographie jederzeit verfügbar und sexistische Werbung an der Tagesordnung ist?

Es wirkt, weil es fein und literarisch ist. Die Cleopatra hat zum Beispiel einen jungen Liebhaber, den Diplomaten Beladonis mit der schönen Liebesflöte. Wenn sie sich verabschieden, singt sie: »Mein lieber Prinz, jetzt heißt’s ‚Adé‘. Der Abschied tut ein bisschen – weh.« Und nur weil sie es sagt, wie sie es sagt, weiß man: ‚Oh, die haben wohl zu viel geliebt in der vorigen Nacht.‘ Und genau solche Zweideutigkeiten sind doch aus der Mode heutzutage, aber ich finde sie umso schöner. Denn man kann alles sehen, wenn man will, nackte Haut, Sex, alles. Aber so ein Wortspiel kann dich irgendwo in deiner Fantasie treffen.

Das Interview führte Renske Steen

© Jan Windszus Photography
(c) Jan Windszus Photography