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Interview mit Patricia Kopatchinskaja
Aller Anfang ist schwer. Auch als hoch begabte Musikerin. Und vermutlich erst recht, wenn man Patricia Kopatchinskaja heißt. Die Geigerin, die in dieser Saison Artist in Residence am Konzerthaus Berlin ist, eckt mit ihren ungewöhnlichen Programm-Ideen und ihren Klangvorstellungen neuer und alter Werke an. Daran mussten sich Kritiker und Publikum offenbar erst gewöhnen. Zum Glück haben sie dann doch noch erkannt, was da für eine coole künstlerische Kämpferin dazu bereit ist, die zuweilen ja doch ein bisschen angestaubte Klassik-Welt mal gründlich durchzufegen. War’s schwer, diese Zeit zu überbrücken, Patricia Kopatchinskaja?

Diese Linie durchzusetzen, brauchte tatsächlich enorme Anstrengung. Aber seit einiger Zeit ist mein Traum wahr geworden. Musiker, Organisatoren, Festivals und Plattenlabels machen begeistert mit. Ich wollte meine individuell-persönliche Sicht der Stücke herausfinden und darstellen, die wichtigste Musik der neueren und neuesten Zeit vertreten. Und ich wollte mit Komponisten zusammenarbeiten. Es fühlt sich gut an, das jetzt endlich auch machen zu können.

Sie spielen Haydn rückwärts, Beethovens Violinkonzert klingt bei Ihnen total ungewohnt – Sie machen aus jedem schon millionenfach gespielten Notentext etwas ganz besonderes, weil Sie sich trauen, frei damit umzugehen. In Ihrem ersten Konzert als Artist in Residence im Konzerthaus Berlin am 11. November spielen Sie zusammen mit dem Konzerthausorchester unter der Leitung von Chefdirigent Iván Fischer Schumanns Violinkonzert – eines der verkanntesten Violinkonzerte überhaupt, oder?

Schumann schrieb dieses Konzert in einer für ihn sehr schwierigen Zeit. Wenig später versuchte er, sich umzubringen und danach endete er im Irrenhaus. Entsprechend erzählt dieses Konzert nicht von heldischem Virtuosenglanz, sondern von bösen geisterhaften Vorahnungen, von Not und Ausweglosigkeit. Es ist auch ein Abschied von seiner Frau Clara. So verstanden ist es eines der ergreifendsten Monumente der Musikliteratur. Ich spiele zum ersten Mal mit Iván Fischer. Es ist sehr außergewöhnlich, eine Zusammenarbeit mit einer so schwierigen, aber auch genialen Musik zu beginnen, weil sie so unglaublich zerbrechlich und persönlich ist.

Später im November, am 24., kommen Sie dann mit dem Saint Paul Chamber Orchestra und einem Programm zurück, das schon auf den ersten Blick verrät, dass das Publikum hier einen speziellen Konzertabend erwarten darf. Worum geht’s genau bei dieser ziemlich ungewöhnlichen Programmreihenfolge?

Die Idee, Franz Schuberts Streichquartett „Der Tod und das Mädchen“ zu spielen, kam tatsächlich vom Orchester. Während der Proben entstand eine etwas neue Bearbeitung: im 2. Satz wird ziemlich viel im Quartett gespielt, während die Tuttis nur als Farbe eingesetzt sind. Dann versuchten wir, dieses Stück mit anderen Stücken quasi zu beleuchten, So wie man das zum Beispiel aus Ausstellungen kennt, wenn sehr bekannte Bilder neben Bildern aus anderen Zeiten, aber zum gleichen Thema ein ganz überraschendes Gefühl im Betrachter auslösen. Wir kombinieren zum Beispiel mit dem Stück „Toden-Tantz“, aufgeschrieben ca. 1600 von August Nörmiger, eins der ältesten Stücke, die wir zu diesem Thema finden konnten. Oder mit einer Pavane von John Dowland, weil der langsame Satz in „Der Tod und das Mädchen“ eine Pavane ist, ein Tanz, den Könige tanzten und der bei Schubert die majestätische Souveränität des Todes darstellt.

Verspüren Sie eigentlich manchmal einen Druck, etwas Außergewöhnliches abliefern zu müssen?

Überhaupt kein Druck! Es interessiert mich einfach nicht im Geringsten, zum hunderttausendsten Mal das Tschaikowsky-Konzert genau so zu spielen, wie es immer gespielt wurde. Nur wenn ein Werk uns hier und jetzt etwas Aktuelles zu sagen hat, sollte es überhaupt aufgeführt werden.

Und was ist mit dem Publikum, den Konzerthäusern, den Musikern oder Festivals, die lieber nur den alten Tschaikowsky hören wollen und keinen Mut für das andere haben? Gibt es die überhaupt?

Natürlich gibt es die, dort trete ich einfach nicht auf und so gibt es zum Glück wenig Berührungspunkte.

Das Interview führte Renske Steen

© Marco Borggreve
(c) Marco Borggreve_13