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Liebe auf den zweiten Blick
Wie ist das eigentlich für eine junge, emanzipierte, erfolgreiche Sängerin, wenn sie auf der Opernbühne in Rollen aus den vergangenen Jahrhunderten schlüpft, die vielleicht so gar nicht ihrem eigenen Frauenbild entsprechen? Die 25-jährige Elsa Dreisig, seit letzter Saison Mitglied des Opernstudios der Staatsoper Berlin und Gewinnerin zahlreicher Preise – momentan also als aufsteigender Stern am Opernhimmel in aller Munde –, kennt dieses Problem. Und weiß, wie sie am besten damit umgeht. Aber zuerst verrät die Sopranistin mit Wurzeln in Frankreich und Dänemark, in welcher Sprache sie am liebsten singt:

Französisch! Da kenne ich eigentlich das gesamte Repertoire. Obwohl dänisch auch toll ist, aber da gibt es eben leider nicht so viel. Aber das nächste Mal in der Staatsoper singe ich ja italienisch, was ich ebenfalls sehr mag.

Sie übernehmen die Rolle der Euridice in „Orfeo ed Euridice“ von Christoph Willibald Gluck, inszeniert von Jürgen Flimm. Das ist jetzt aber nicht die typische italienische Oper, oder?

Stimmt, und dabei sind grade bei den Belcanto-Opern so einige Partien dabei, Rossinis „Semiramide“ oder seine Desdemona aus „Otello“zum Beispiel, die mich wirklich sehr interessieren, und bei denen ich noch viel geben kann, glaube ich. Aber „Orfeo ed Euridice“ ist etwas ganz anderes. Ich muss gestehen, dass ich zuerst meine Zweifel an der Figur Euridice hatte, sowohl musikalisch als auch von der Figur her. Aber die Inszenierung von Jürgen Flimm hat mir so geholfen. Durch seine Inszenierung bekommt Euridice etwas Modernes. Ich hätte wirklich nicht gedacht, was für eine tolle Partie Euridice ist. Es macht Spaß, sie zu singen und sie zu spielen!

Was ist Euridice denn überhaupt für eine Frau?

Sie ist eine sehr intensive, mutige Person. Sie lässt sich nicht so einfach abservieren. Wenn Orfeo sie aus dem Hades befreit, nimmt sie das nicht hin wie ein kleines Mäuschen. Sie versteht überhaupt nicht, warum Orfeo sie nicht anschaut. Sie will nicht nur mit ihm gehen, weil er das sagt – sie möchte es verstehen. Ich mag das. Euridice hat viele verschiedene Emotionen. Eigentlich ist sie ein bisschen verloren. Sie war glücklich dort im Elysium, aber natürlich auch froh darüber, Orfeo wieder zu sehen. Aber wenn er sie nicht mehr anschaut, was bedeutet das dann? Ist sie nicht mehr schön, mag er sie nicht mehr? Diesen Prozess des Zweifelns hat Jürgen Flimm total gut verstanden und umgesetzt. Zuerst scheint alles gut, aber dann – nach und nach – merkt man, wie unangenehm und streng Euridice sein kann. Am Ende ist sie richtig hysterisch, total verrückt. Das ist sehr interessant für mich zu spielen, aber es kostet auch viel Kraft.

Also haben Sie Euridice erst durch Jürgen Flimm so richtig kennen- und schätzen gelernt?

Ja, auf jeden Fall. Ich arbeite natürlich auch immer selbst an den Figuren, meistens vor einem Spiegel, allein in einem Raum, damit das Körperliche stimmt. Bei „Orfeo ed Euridice“ hatte ich dazu aber auch noch großes Glück mit Jürgen Flimms Inszenierung. Das kann nämlich sehr schwer werden, wenn die Inszenierung nicht gut ist und man alles selbst entwickeln muss.

Und was ist, wenn das alles nicht funktioniert? Wenn die Inszenierung nicht gut ist und man selber nichts aus einer Figur herausholen kann? Gibt es das überhaupt?

Das gibt es vielleicht manchmal, aber mittlerweile weiß ich, was ich dann tue. Die Rolle der Pamina in der „Zauberflöte“, die ich im Dezember auch hier in der Staatsoper singe, hat mir da sehr geholfen. Denn musikalisch ist die Partie unglaublich, aber man kann mit ihr nicht so viel Neues machen. Ich kann Pamina nicht dramatisch singen, das geht nur mit den großen Partien wie „Manon Lescaut“ von Puccini und Violetta in Verdis „La traviata“. Bei denen kann ich ganz natürlich viel von mir selbst bringen. Bei Pamina geht das nicht – vielleicht noch musikalisch, aber nicht dramatisch oder theatralisch.

Wie füllt man dann diese Lücke zwischen der musikalischen und der theatralischen Pamina?

Der Trick ist: Die muss man gar nicht füllen! Ich hab das auch erst versucht, habe mit meinem Lehrer darüber gesprochen, wie ich Pamina dramatisch interessant machen kann. Der hat aber gesagt, dass ich das gar nicht muss. Mozart war klug genug. Man muss seiner Musik trauen und sie spüren. Dann kommt etwas Besonderes, ganz von allein. Wenn ich also Pamina spiele, versuche ich nicht zu denken: „Uh, wie wird Pamina sonst gespielt und was kann ich anders machen?“ Nein, ich bin wirklich in der Musik drin. Und was die Musik dann bringt, ist genug. Natürlich darf man Pamina nicht langweilig singen, aber die Emotionen kommen von allein, darauf kann ich vertrauen. Eigentlich ganz einfach, oder?

Interview: Renske Steen

Foto: Elsa Dreisig | © Stephanie von Becker
Foto: Elsa Dreisig | © Stephanie von Becker