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Interview mit John Chest
Der junge amerikanische Bariton John Chest gehört seit der Saison 2013/2014 zum festen Solistenensemble der Deutschen Oper Berlin. In der Premiere von COSI FAN TUTTE am 25. September 2016 singt er den Guglielmo. Einige Gedanken zu Mozarts Werk konnten wir ihm im Interview entlocken:

In Mozarts COSÌ FAN TUTTE geht es um zwei junge Paare, die einander sexuell untreu sind. In Berlin trifft sich die Jugend der Welt in den Schlangen vor Berghain und KitKatClub – ist die alte Geschichte überhaupt noch interessant?


John Chest: Jetzt mal davon abgesehen, dass man mich in diesen Schlangen ganz bestimmt nicht antrifft, müssen wir uns doch alle überlegen, was wir in einer Beziehung wollen und was den Partner so sehr verletzen würde, dass die Wunde nicht mehr verheilen kann. Diese Entscheidung muss zunächst jeder Mensch für sich treffen und dann in seiner Beziehung verhandeln. Genau das passiert in COSÌ FAN TUTTE und zum Schluss sind alle beschädigt. Das glückliche Ende ist längst nicht so glücklich, wie es bei oberflächlichem Hinsehen scheint.

Wörtlich übersetzt heißt die Oper „So machen es alle Frauen“ und gegen Ende schiebt der undurchsichtige Don Alfonso den Schwarzen Peter noch einmal ausdrücklich Dorabella und Fiordiligi zu. Sind die Männer dadurch automatisch entschuldigt?

John Chest: Der Untertitel heißt „Die Schule der Liebenden“ und in der Tat lernen sie alle dazu. Die entscheidende Frage ist doch, ob die Männer schließlich die Verantwortung für ihr Handeln übernehmen. Mit allen Tricks und Kniffen haben sie ihre Partnerinnen in die Untreue getrieben, da können sie hinterher nicht so tun als seien sie unschuldig am Geschehen. Sicher hat auch Don Alfonso seinen Anteil daran, denn der ältere Mann will den idealistischen jungen Offizieren zeigen, wo der Hase lang läuft. Ähnlich ist es mit Despina bei den Frauen: Die Zofe treibt die naiven Frauen in das erotische Abenteuer. Letztlich ist aber jeder selbst für seine Entscheidungen verantwortlich.

COSÌ FAN TUTTE wurde für ein vergleichsweise kleines Theater geschrieben, die Deutsche Oper Berlin ist hingegen eines der größten Opernhäuser Deutschlands mit einer Akustik, die auf Wagner und Strauss ausgelegt ist. Was bedeutet das für Sie?

John Chest: Das fragen wir uns auch (lacht). Über die Jahrhunderte haben sich die Theater, die Orchester, aber auch die Gesangstechnik verändert. Vereinfacht gesagt ist alles immer größer und lauter geworden. Es gibt die Gegenbewegung der „historischen Aufführungspraxis“, aber wir gehen an der Deutschen Oper Berlin einen anderen Weg. Ich bin davon überzeugt, dass wir auch in einem so großen Theater wie der Deutschen Oper Berlin Momente der Intimität herstellen können. In DON GIOVANNI oder der ZAUBERFLÖTE gelingt uns das ja auch. Diese Opern wurden auch für deutlich kleinere Theater geschrieben, trotzdem würde niemand ernsthaft sagen, dass wir diese Stücke nicht spielen dürfen.

Immer wieder liest man, dass ausnahmslos alle Sänger ungeheuer gerne Mozart singen, weil seine Musik so gut für die Stimme sei. Geht Ihnen das auch so?

John Chest: Es kommt selbstverständlich auf die jeweilige Stimme an. Es gibt auch Sänger, deren Stimmen für diese Musik nicht geeignet sind – für Heldentenöre ist bei Mozart einfach nichts dabei. Allerdings kenne ich auch unter den dramatischen Sängern kaum einen, der seine Musik nicht mag. Seine Musik sieht immer so einfach aus, wenn man die Noten liest. Das täuscht. Um Mozart elegant und überzeugend rüberzubringen, muss man wirklich gut singen können.

Das Interview führte Uwe Friedrich
(c)