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Oper – das Theater der Emotionen



Seit über vierhundert Jahren sind die Zweifel an der Überlebensfähigkeit dieser hybriden, gigantomanen Kunstform seltsamerweise nie wirklich versiegt. Doch die Oper hat alle Systemwechsel überlebt und für jede Zeit eine neue gültige künstlerische Ausdrucksweise gefunden.

Die Deutsche Erstaufführung von Georg Friedrich Haas‘ MORGEN UND ABEND an der Deutschen Oper Berlin zeigt dies auf ganz vitale Weise. Nicht Melodien und Klänge, sondern „Klanglandschaften“ hat Georg Friedrich Haas für MORGEN UND ABEND geschaffen. Clusterwellen schwellen an und ab, bis zu 22-fach geteilte Streicher schaffen mesmerisierende Flächen, langsame Triller und Glissandi, die sich in den Himmel schrauben. Bekannt geworden ist Haas durch eine Musik, die tief in der Tradition wurzelt und dennoch radikal neu ist, die hoch sensibel feinste Klangnuancen aushört, um damit in ganz eigene Ausdrucksbereiche vorzudringen und in der er, von wenigen Ausnahmen abgesehen, mit Mikrotonalität arbeitet: Ausgehend von den Tönen der Obertonreihe entwickelt Haas jeweils neu für einzelne Stücke eine Harmonik, für die er die Oktave in Viertel- und Sechsteltonschritte unterteilt. So entstehen ganz eigene Klangwelten… eine besondere Herausforderung vor allem an die Sängerin Sarah Wegener, die in dieser neuen Oper mit Mikrotonalität arbeiten muss. Sie verbindet mit dem Komponisten Georg Friedrich Haas eine enge künstlerische Beziehung. Anlässlich ihres Berliner Debüts mit MORGEN UND ABEND - Premiere am 29. April 2016 hier im Interview:


Sie haben ursprünglich Kontrabass studiert. Wie kam es dazu, dass Sie auf Gesang umsattelten?

Sarah Wegener: Ich habe Schulmusik mit Hauptfach Kontrabass studiert. Gegen Ende des Studiums hatte ich einen Schicksalsschlag zu verkraften. Ich konnte für ein Dreivierteljahr nicht in die Hochschule gehen und habe einen Weg gesucht, damit zu leben. Auf einmal kam meine Stimme heraus. Einfach so. Ich spürte plötzlich diesen Drang, und wusste, ich muss singen. Vorher bin ich einen bestimmten Weg gegangen, und hatte überhaupt nicht erkannt, dass mein eigentlicher Weg parallel dazu verläuft. Ich war gezwungen, stehen zu bleiben, um meinen eigenen Weg zu finden. Jetzt bin ich „zuhause“ angekommen.

Der Komponist Georg Friedrich Haas schätzt Sie sehr. Ist das eher eine Freude oder eine Last, weil er auch besondere Anforderungen an Sie stellt?

Sarah Wegener: Beides. Ich bin sehr stolz, dass ich seine Musik singen darf, aber gleichzeitig stellt diese Musik einen auch vor diverse Schwierigkeiten. Eigentlich habe ich bis jetzt jedes Mal gedacht, oje, das geht doch gar nicht. Aber dann springt man über seine Grenzen, und schafft es doch immer wieder. Dadurch weitet man den Geist.
Es begann mit der Oper MELANCHOLIA, ebenso nach einem Text des norwegischen Schriftstellers Jon Fosse. Ich war die Zweitbesetzung an der Pariser Oper. Bei einer Probe hat Georg Friedrich Haas mich eher zufällig gehört. Er war begeistert, hat mich direkt angesprochen, und schließlich einen Liederzyklus für mich geschrieben. Ich kann ihn alles fragen, per Telefon oder Skype. Es ist sehr schön, die Musik mit einem lebenden Komponisten zu erarbeiten. Dabei habe ich festgestellt, dass es immer um mehr geht als um die reinen Noten. Jeder Komponist freut sich, wenn er die Seele des ausführenden Künstlers in der Interpretation spürt. Bei den Kompositionen von Georg Friedrich Hass ist es fast schon gespenstisch: Ich bekomme die Noten und habe beinahe das Gefühl, die Musik bereits zu kennen.

„Gespenstisch“ ist ein gutes Stichwort, denn die Hauptfigur der Oper MORGEN UND ABEND erkennt nicht, dass sie bereits gestorben ist. Wie mystisch ist dieses Werk?

Sarah Wegener: Es wird erzählt, wie ein Mann das Licht der Welt erblickt, und dann ins göttliche Licht zurückkehrt. Der Sterbeprozess an sich wird beschrieben. Die irdische Welt vermischt sich immer mehr mit der anderen Welt, ohne dass die Hauptfigur (Johannes) das merkt - er trifft auf seine bereits verstorbene Frau, die ihn holen möchte. Er kann aber nicht gleich loslassen. Sein Kumpel Peter holt ihn schließlich „hinüber“. Seine Tochter Signe bleibt alleine zurück mit dem Schmerz des Verlustes. Was am Ende übrig bleibt, ist die Liebe. Ich empfinde das als sehr positiv und klar.

Sie können auch Vierteltöne sauber singen. Damit haben viele Opernsänger Probleme. Wie haben Sie das gelernt?

Sarah Wegener: Das kommt wahrscheinlich aus meiner Zeit als Kontrabassistin, da hört man schon beim Stimmen die kleinsten Unsauberkeiten. Ich kann das schlecht erklären, aber ich stelle immer mal wieder fest, dass ich anders höre als viele meiner Kollegen. Ich höre die gesamte Harmonie und deshalb bereiten mir diese Töne keine Probleme. Wir könnten jetzt lange über die verschiedenen Stimmungen sprechen. Die gewöhnliche „wohltemperierte“ Stimmung ist ja eigentlich ein Kompromiss. In dem Liederzyklus, den Haas für mich geschrieben hat, gibt es einen Moment, in dem ich von der wohltemperierten Stimmung in die reine Stimmung wechsle. Das ist für mich ein unglaublicher, ein mystischer Moment. Das ist wie nach Hause zu kommen. In der Oper kommt so etwas allerdings nicht vor.

Das Interview führte Uwe Friedrich.

Foto: Sarah Wegener | © Simon-David Tschan
Foto: Sarah Wegener | © Simon-David Tschan