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Interview mit Nicole Chevalier

Heinrich Marschners »Vampyr« gilt als Paradebeispiel der deutschen Schauerromantik. Anknüpfend an Carl Maria von Webers »Freischütz« sucht Marschner nach einer musikalischen Sprache für das Dunkle und Dämonische und wird damit zum Wegbereiter Richard Wagners. Der junge Regisseur Antú Romero Nunes nimmt Marschners große romantische Oper als Ausgangspunkt für eine fesselnde Reise durch das schaurige Reich des bleichen, blutsaugenden Frauenbetörers. Premiere ist am 20. März 2016.

Ein Klischee besagt, dass Opernsänger sich am Souffleurkasten am wohlsten fühlen, wo sie im Licht stehen und nur im Notfall mal einen Arm heben, um Emotionen zu zeigen. Sie spielen hingegen immer mit größtem Einsatz. Könnten Sie überhaupt einfach nur auf der Bühne stehen und singen ohne etwas zu machen?

Nicole Chevalier: An der Musikhochschule werden wir Sänger sehr darauf getrimmt, die technische Seite des Singens zu perfektionieren. Dadurch sind viele von uns auf die Stimme fixiert und verlieren etwas aus dem Blick, dass ein überzeugender Charakter auf der Bühne aus sehr viel mehr besteht als nur dem schönen Gesangston. Ich habe auch eine Schauspielschule besucht und bin mit Sprechrollen aufgetreten. In Amerika steht in der Regel ohnehin das Musical am Anfang: Wer in der Schule Interesse am Theater hat, spielt in Musical-Aufführungen mit, da muss man ohnehin alles können: Sprechen, singen, tanzen, spielen. Und an der Komischen Oper Berlin ist es sowieso verboten, einfach am Souffleurkasten rumzustehen (lacht).

In einem früheren Interview haben Sie einmal gesagt, dass Sie während der Proben manchmal noch gar nicht wissen, ob Sie der Rolle überhaupt gewachsen sind. Sie singen nun die Malwina in Heinrich Marschner Oper »Der Vampyr«. Ist das wieder so ein Fall?

Nicole Chevalier: Ich liebe diese Herausforderung und das Risiko. Damals ging es um die drei Frauengestalten in »Hoffmanns Erzählungen«, die wohl für jede Sängerin eine Herausforderung sind. Aber auch die Malwina ist eine große Aufgabe für mich. Man muss den Mut haben, an die eigenen Grenzen zu gehen und noch ein bisschen weiter. Wir Sänger müssen unsere Stimmen gut kennen, um sie nicht zu gefährden, aber dann ist sehr oft eine Menge mehr möglich, als man zu Probenbeginn denkt. Alles andere würde mich wahrscheinlich auch langweilen. Auch nach der Premiere entwickeln sich die Rollen noch weiter, weil wir selbst jeden Abend anders sind, aber auch weil das Publikum immer wieder anders reagiert. Malwina ist etwas vollkommen Neues für mich. Ich habe nie Ännchen oder Agathe gesungen, die klassischen Sopranrollen des deutschen Fachs, und jetzt gleich eine ziemlich dramatische Partie – ich muss mir das erst erarbeiten, aber ich lerne ungeheuer viel während der Proben.

Das Libretto ist auch für Deutsche zumindest merkwürdig, in vielem übertrieben und geradezu klischeehaft romantisch. Wie gehen Sie mir den Worten um?

Nicole Chevalier: Der Text ist ungeheuer poetisch, aber auch sehr altmodisch. Ich trete immer wieder einen Schritt zurück und überlege mir, was Malwina eigentlich sagt und wie sie sich heute ausdrücken würde. Auch musikalisch grenzt das gelegentlich an Hysterie, das ist kein Belcanto mehr, das ist reine Ausdrucksmusik. Dieser Gesangsstil weist schon in die Richtung der Musikdramen Wagners. Dieses Repertoire habe ich bisher noch nicht gesungen und bin selbst sehr gespannt, wie das wird.

Der Regisseur Antú Romero Nunes hat noch nicht sehr viel Opernerfahrung. Merkt man das in den Proben? Ist das vielleicht sogar ein Vorteil?

Nicole Chevalier: Er ist sehr höflich, lässt uns improvisieren und schaut, wie sich die Szenen entwickeln. Es ist typisch für Schauspielregisseure, längere Szenen durchspielen zu lassen. Opernregisseure arbeiten in der Regel in kleineren Abschnitten. An der Komischen Oper Berlin gibt es ohnehin größere Freiräume, in denen wir einfach ausprobieren können, ob etwas funktioniert. Das kenne ich von keinem anderen Opernhaus, an dem ich gearbeitet habe. Also passt Antú Romero Nunes sehr gut hierher. Wir entdecken die Oper gemeinsam. Ich erforsche meine Rolle und komme dieser merkwürdigen Figur Malwina immer näher. Wir spielen einfach zusammen, das ist der Kern aller darstellenden Künste.

Das Interview führte Uwe Friedrich

Foto: Nicole Chevalier | © Jan Windszus Photography