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Interview mit Barrie Kosky

Keine große Oper, sondern echte Gefühle! Barrie Kosky, Intendant und Chefregisseur der Komischen Oper Berlin, inszeniert »Jewgeni Onegin«. Ein Stoff, der Tschaikowski »wirklich berührte« - in der Tat eine der anrührendsten tragischen Liebesgeschichten, mit der Verzauberung der schwärmerischen Tatjana, der tief empfundenen Poesie Lenskis und dem überheblichen Leichtsinn Onegins, der all sein Glück verspielt. Premiere ist am 31. Januar 2016.

»Jewgeni Onegin« von Pjotr I. Tschaikowski ist eine Ihrer Lieblingsopern. Warum gerade diese »Lyrischen Szenen in drei Akten« nach einem Versroman von Alexandr S. Puschkin?

Barrie Kosky: Meine erste Oper überhaupt war Puccinis »Madama Butterfly« als ich sieben Jahre alt war. Mit 13 oder 14 Jahren habe ich zum ersten Mal »Jewgeni Onegin« in Melbourne gesehen und ich erinnere mich, dass diese Musik mich sofort berührt hat. Ich habe mich mit Tatjana identifiziert. Das war vielleicht ein bisschen früh, aber es war eine große Liebe zu diesem Charakter und natürlich auch zu Tschaikowskis Musik. Bis heute fasziniert mich die Radikalität der musikalischen Form, und nach den großen Tanzmusicals, der Abstraktion von »Moses und Aron« und dem Experiment mit »Hoffmanns Erzählungen« ist es jetzt sehr schön, mich mit diesem Realismus zu beschäftigen.

Sich mit Tatjana zu identifizieren ist der Klassiker unter schwulen Opernfans. In letzter Zeit kam es unter Regisseuren auch in Mode, Onegin und seinem Freund Lenski ein Verhältnis anzudichten. Der Komponist Pjotr I. Tschaikowski war schwul, da gibt es keinen Zweifel – wie »schwul« ist diese Oper?

Barrie Kosky: Für mich sind Lenski und Onegin nicht schwul. Es gibt in meiner Sichtweise keinen »schwulen« Charakter in dieser Oper. Das kann man so machen, ich werde das aber nicht so inszenieren. In den Schauspielen von Tennessee Williams ist das ähnlich, in »Endstation Sehnsucht« kann man einen schwulen Subtext finden, aber man tut sich keinen Gefallen, wenn man das in den Vordergrund stellt. Bei Tschaikowski ist das ähnlich: Er identifiziert sich aus einer schwulen Perspektive mit seinen Figuren, aber das heißt nicht, dass die auch schwul sind. Es gibt autobiographische Momente in der Oper, das hört man sehr deutlich in der Musik, aber es würde das Werk klein machen, wenn man es nur aus diesem Blickwinkel betrachtet. Es wird keine Männer im Ballkleid geben, keine Tätowierungen, keine Pailletten.

Alexandr S. Puschkins Versromans zeichnet sich durch einen sehr ironischen Humor aus. Sein Onegin ist ein oberflächlicher und unsympathischer Angeber und hohler Dandy über den er sich lustig macht. Ist davon in Tschaikowskis Oper noch etwas übrig?

Barrie Kosky: Davon ist in der Oper nichts zu spüren. Das liegt zum einen an der Musik, denn wir hören Onegins Seelenleben. Tschaikowski hat dem Charakter eine völlig neue Ebene hinzugefügt. Anders als Puschkin fällt Tschaikowski kein Urteil über Onegin. Auch in der Oper ist er, zumindest zu Beginn, hochtrabend und arrogant, sein Charakter ist aber viel komplexer gezeichnet als bei Puschkin. Wenn Tschaikowski es einfach dabei belassen hätte, wäre die Geschichte als Oper ziemlich uninteressant. Puschkin zeichnet ein ironisches Bild der russischen Oberklasse seiner Zeit, Tschaikowski interessiert darüber hinaus noch etwas anderes, nämlich das Innenleben seiner Figuren. Vor allem in der letzten Szene bringt er die Tragödie Onegins und die Tragödie Tatjanas auf die Bühne.

Immer wieder gibt es Momente, in denen Tschaikowski die Zeit anhält. In der Namenstagsszene mit der Duellforderung, dann wieder kurz vor dem Duell und wenn Tatjana und Onegin sich Jahre später wieder treffen. Was bedeutet das für die Figuren und für die Sänger?

Barrie Kosky: Auch wenn da nichts Dramatisches auf der Bühne passiert, sind wir schon während der Proben immer wieder erschüttert. Manche Szenen sind ganz kurz und verändern den Rest des Lebens für alle Beteiligten. Es gibt in der gesamten Opernliteratur nur ganz wenige Opern, bei denen man keinen einzigen Takt streichen könnte. Richard Wagners »Tristan und Isolde« und Alban Bergs »Wozzeck« gehören zu diesen Opern, ganz sicher auch »Jewgeni Onegin«. Allen angehenden Opernkomponisten möchte man diese Werke geben, um hier zu studieren, wie man eine Szene komprimiert und dennoch die Emotionen der handelnden Figur ganz direkt nachvollziehbar macht. Diese Werke ermüden nie und werden nie langweilig.

Das Interview führte Uwe Friedrich

Foto: Barrie Kosky | © Jan Windszus Photography

(c) Jan Windszus Photography