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Interview mit Erez Zohar

Erez Zohar ist Choreograph und Assistent des israelischen Choreographen Ohad Naharin, Leiter der international anerkannten Batsheva Dance Company in Tel Aviv. Naharin entwickelte die Bewegungsmethode „Gaga“, mit der sich das Staatsballett Berlin im Rahmen des neuen Dreiteilers „Duato | Kylián | Naharin“ erstmals beschäftigt. Dafür reiste Zohar nach Berlin, trainierte vier Wochen lang diese spezielle Methode mit der Compagnie und studierte das Stück „Secus“ ein. Das Ergebnis feiert im Rahmen des Ballettabends „Duato | Kylián | Naharin“ am 22. Oktober 2015 in der Deutschen Oper Berlin Premiere.

Was zeichnet die Bewegungssprache von Ohad Naharin aus, dessen Choreographie „Secus“ Sie mit dem Staatsballett einstudieren?

Erez Zohar: Ohad Naharin hat seine Bewegungssprache vor 14 Jahren mit Freunden erarbeitet und sie „Gaga“ genannt. Zunächst waren es bloß Experimente mit einzelnen Tänzern, später wurde es die offizielle Bewegungssprache der Batsheva Dance Company in Tel Aviv. Sie verbindet verschiedene bekannte Bewegungsarten, beispielsweise des klassischen Balletts mit neuen Arten, Emotionen, Empfindungen und Sinneseindrücke tänzerisch auszudrücken. Es geht uns um den instinktiven Ausdruck. Wir wollen keine künstlichen Tänzerposen, die zwar ästhetisch aussehen, aber nicht authentisch sind. Wir suchen den tieferen Einblick in die tierische Natur des Menschen, auch wenn wir den Intellekt darüber nicht vergessen. Dazu nutzen wir den gesamten Körper, die Muskulatur und die Gliedmaßen auf molekularer Ebene, d.h. bis in die kleinste Zelle hinein und dadurch in einem umfassenderen Sinn als viele andere zeitgenössische Tanzstile.

Das klingt sehr extrem und sehr anstrengend. Wie kommt eine klassische Ballettcompagnie damit klar?

Erez Zohar: Für mich ist „Gaga“ die hohe Schule des Tanzes. Als Tänzer habe ich auch die anderen Stile gelernt, aber als ich dieses Werkzeug gemeinsam mit Ohad Naharin über zehn Jahre entwickelt habe, stellte ich fest, dass ich mich als Tänzer stark weiterentwickelt habe. Ich konnte fast alles erreichen, was ich wollte. Das funktioniert mit klassischem Ballett nicht. Im Vergleich ist das klassische Ballett doch sehr eingeschränkt. Mit „Gaga“ wird das Bewegungsrepertoire erweitert und verbessert. Man wird flexibler, hat keine Angst mehr zu stürzen oder sich auf dem Boden zu bewegen. Für Tänzer des klassischen Balletts ist das zunächst sehr schwierig. Die Tänzer des Staatsballetts Berlin sind sehr intelligent und experimentierfreudig. Dennoch braucht es eine gewisse Zeit, bis sie das Gaga-Repertoire beherrschen und sich ganz selbstverständlich darin bewegen. Es ist meine Aufgabe und meine Herausforderung, ihnen das zu vermitteln. Während der Proben suche ich immer wieder neue und andere Wege, diese Ästhetik zu vermitteln. Diese Arbeit ist sehr aufregend und befriedigend.

Wieviel von der Choreographie ist unumstößlich festgelegt und wieviel kann für das Staatsballett geändert werden?

Erez Zohar: Ich bin ein Perfektionist, aber manchmal muss man auch Kompromisse machen. Die Zeit ist knapp, und wenn wir eine praktikable Lösung finden müssen, dann werden wir das tun. Aber ich werde keine Kompromisse in der künstlerischen Qualität des Abends machen. Wir werden die Choreographie in ihrer ursprünglichen Form präsentieren. Die Komposition verändert sich nicht, aber die Tänzer haben – auf Grundlage der ihnen gegebenen Informationen und Aufgaben – auch eigene Bewegungssequenzen erarbeitet. Das Werk ist fertig und muss jetzt auf der Bühne umgesetzt werden. Wir sind auf einem guten Weg und ich zweifle nicht daran, dass uns das gelingen wird.

Das verklammernde Thema der drei Choreographien scheint die Sexualität im weitesten Sinn zu sein. Wie zeigt sich das in „Secus“?

Erez Zohar: Das ist nicht unbedingt das Hauptthema dieses Werks. Es geht eher um Sinnlichkeit. Sexualität gehört dazu, wie sie zu unserem Leben gehört. Wir blockieren diesen Aspekt nicht, denn das ist Teil unseres Daseins als Lebewesen. Wir wollen das nicht provokant ausstellen, sondern nur als das darstellen, was es ist, nämlich eine der Grundlagen unseres Menschseins. In gewissem Sinn spielt die Sexualität natürlich auch in einen Pas de deux hinein. Wenn Sie wollen, können sie bei einem Duett zwischen zwei Männern oder zwei Frauen oder einem Mann und einer Frau auch an Sexualität denken. Das ist nicht falsch, aber es ist nicht das zentrale Thema von „Secus“.

Das Interview führte Uwe Friedrich

Foto: „Duato | Kylián | Naharin“ | © Fernando Marcos








(c) Fernando Marcos