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Interview mit Benedikt von Peter

Benedikt von Peter hat mit seinen Regiearbeiten und ungewöhnlichen Raumlösungen in den letzten Jahren große Aufmerksamkeit auf sich gezogen. Nach drei Inszenierungen an der Komischen Oper Berlin gibt er mit AIDA, Premiere am 22. November 2015, sein Debüt an Deutschlands zweitgrößtem Opernhaus – der Deutschen Oper Berlin.

Benedikt von Peter versteht Verdis „Grand Opéra“ AIDA als ein „Requiem auf die Utopie“: Anders als in Verdis vorhergehenden Opern gibt es in AIDA einen Gegenentwurf zur todgeweihten Liebe: Wie eine Löwin kämpft Amneris um ihre Liebe. Radames jedoch, der Mann zwischen Aida und Amneris, kann sich nicht für ein realistisches Leben entscheiden. Er verliert sich in seinen Träumen und wird dort für die Geliebte zum Helden im Kampf gegen Unterdrückung und Leiden…

Im Interview spricht Benedikt von Peter über seine Interpretation:


Auf einen „veränderten Saalplan (Platzierung von Chor und Orchester u. a. im Zuschauerbereich)!“ werden Opernfans auf der Website der Deutschen Oper Berlin hingewiesen. Gibt es überhaupt noch Platz für Elefanten und Pyramiden?
Benedikt von Peter: Wir haben überlegt, ob wir einen lebenden Elefanten auf die Bühne bekommen können. Es stellte sich aber heraus, dass der Elefant hätte betäubt werden müssen, vor allem waren wir uns aber nicht sicher, ob der Elefant wegen seines Gewichts im Aufzug stecken bleiben würde. Was die Pyramiden betrifft: Die Deutsche Oper ist ja eine sehr repräsentativer Bau. In gewisser Weise ist sie eine Art Pyramide, ein machtvoller Steinbau, der wie ein Tempel wirkt. Alles ist auf den Mittelbalkon hin ausgerichtet, ein Raum, in dem sich die Gesellschaft selbst betrachten und spiegeln kann. Wir mussten also gar keine Pyramiden bauen.

Worauf müssen die Zuschauer denn beim „veränderten Saalplan“ gefasst sein?
Benedikt von Peter: Der Chor wird im Zuschauerraum sein, also das Volk und die Priester. Radames, Amneris und Aida agieren auf der Vorbühne, dahinter sitzt das Orchester. Wir nutzen also für den Machtapparat im Stück die Architektur des Zuschauerraums. Gerade bei diesem Stück fragt man sich ja häufig, wer diese Menschen in diesem System sind. Wir möchten über den direkten Klang im Zuschauerraum durch ein anderes Hören einen neuen Zugang zu den Inhalten der Oper schaffen. Dabei soll das Publikum die Freiheit behalten, ganz verschiedene Bezüge zu unserer Realität und Gegenwart selbst herzustellen. Die Spannung zwischen Fanatismus, einem brutalen politischen Apparat und persönlichen Schicksalen ist ja durchaus nicht überholt.

Die Handlung von „Aida“ dürfte einigermaßen bekannt sein. Worum geht es darüber hinaus in dieser Oper?
Benedikt von Peter: Giuseppe Verdi hat einerseits wirklich Ernst gemacht mit dem Volksgedanken, mit dem Wunsch nach einem „Arenaklang“. Dem stehen die vereinsamten Einzelmenschen gegenüber, die in ungeheuer verdichteten Soloszenen gezeigt werden. Diese Szenen sind viel knapper und sprunghafter gehalten als die Massenszenen – als lastete ein ungeheurer Druck auf dem Einzelnen. In der Stückarchitektur scheint es, als ob das Individuum förmlich eingequetscht wird von den Kollektiven. Dafür haben wir versucht, räumlich eine Entsprechung zu finden. Gleichzeitig wird die Geschichte eines Träumers erzählt, der den Anschluss an die Realität völlig verpasst. Das Stück ist eigentlich ein Abgesang an die Möglichkeit eines besseren Lebens. Wir zeigen Radames zwischen zwei Prinzipien, nämlich dem Wunsch nach einer besseren Welt und seiner Realität, die ihn einholt und vielleicht wirklich in eine bessere Welt führen wird.

Gerade in der Kunstform Oper mit dem großen Apparat von Orchester, Chor und Bühnentechnik neigten viele Regisseure dazu, auf diese Künstlichkeit mit einem behaupteten Bühnenrealismus zu reagieren. Wie gehen Sie mit der Künstlichkeit des Genres um?
Benedikt von Peter: In einer Oper ist von vornherein klar, dass nicht nur gemeint sein kann, was im Opernführer als Handlung steht. Häufig werden philosophische Ideen verhandelt oder gesellschaftliche Utopien. Die Oper bietet die Gelegenheit, auch den Körper des Zuschauers zu erreichen und nicht nur den Kopf, fühlend zu denken und denkend zu fühlen. Ich finde meinen Zugang zu einem Stück immer zuerst über die Form. Es geht mir darum, die für mich zentrale Energie eines Stücks zu vergrößern, und dazu reichen die Mittel des Realismus oft nicht aus.

Das Interview führte Uwe Friedrich
(c)