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Man kann sich eigentlich alles erlauben
Am 19. Februar wird an der Deutschen Oper Berlin eine historische Figur wieder zum Leben erweckt, die es echt in sich hat: Edward II. Ein Mann für das ganz große Drama, eine Schwulen-Ikone, die zudem das Schicksal der Heimat England im Mittelalter maßgeblich prägte. Der schweizerische Komponist Andrea Lorenzo Scartazzini hat gemeinsam mit dem Librettisten Thomas Jonigk eine Oper über diesen Mann, seine Liebschaft mit Piers de Gaveston und seinen Widersacher Roger Mortimer geschrieben. Und der aus München stammende Bariton Michael Nagy hat so die Chance, die schillernde Persönlichkeit Edward einmal ganz anders kennenzulernen, nämlich auf der Bühne als sein Darsteller. Aber zuerst die alles entscheidende Frage: Team Edward oder Team Mortimer?

Wenn es um die Frage nach Freundschaft geht: Mortimer. Der ist zwar der Spießer, aber bei Edward weiß man nie, ob Freund oder Feind. Der ist unkalkulierbar in seinem Verhalten. Zwar ist der Ruf nach kantigen Politikerpersönlichkeiten auch heutzutage ja nicht mehr zu überhören, und bei Edward, tja…

Klingt ein bisschen nach einem Donald Trump des mittelalterlichen Englands.

Leider muss man das so sagen, ja. Er ist ein Despot, er ist ein Diktator – oder sagen wir milder, er ist ein zweifelhafter Monarch, und das bis zum bitteren Ende. Nein, ich bin eher für die Freundschaften, die durchaus in die Tiefe gehen, aber nicht von einer ständigen Suche nach dem Grund geprägt sind. Und bei Edward hätte ich da meine Zweifel.

Also muss Edward weiterhin allein seiner Wege gehen. Wie fühlt es sich überhaupt an, zu so jemandem auf der Bühne zu werden?

Das ist eine ganz spannende Erfahrung. Als Hete einen schwulen Herrscher dieser Ausprägung zu spielen, da kommt man schon an Grenzen.

Zumal Edwards Schwulsein in dieser Inszenierung auch eine große Rolle spielt, oder?

Ja. Es soll nicht darum gehen, dass Edward ein wie auch immer gearteter Außenseiter ist. Nein, er ist schon konkret schwul. Es geht um Sexualität, es geht um Leidenschaft, um Eifersucht – alles, was damit zu tun hat. Für Edward gibt es keinen Unterschied zwischen gelebter Sexualität und der Macht des Amtes. Und das macht ihn letztlich unglaublich einsam. Er sagt sich von allem Konventionellen los und ist empört darüber, dass er seine Sexualität nicht ausleben darf. Das wird ihm zumindest suggeriert, er tut es ja trotzdem. Als Narzisst nimmt er sich wie ein Kind im Spielwarenladen das, was er möchte. Und irgendwer bezahlt schon dafür. Mit dieser Haltung bedroht er sich aber auch in seiner Existenz. Denn indem Edward immer hemmungsloser seine Existenz propagiert, zerstört er sie. Das ist natürlich ein unfassbar vielschichtiges Rollenbild, man kann sich als Edward-Darsteller eigentlich alles erlauben.

Und wie nähert man sich dann diesem Edward II.? Hilft Ihnen da die Musik oder der Text mehr?

Das ist schwer zu sagen. Wovon ich gern ausgehe, ist das, was physisch vorhanden ist. Also der Text und die Partitur, der man gewisse Sachen entnehmen kann und andere wiederum gar nicht. Deswegen ist für mich die Grundvoraussetzung, dass man sich erst einmal über den Text orientiert, was eigentlich gesagt werden soll. Bis zur ersten Orchesterprobe – und auch darüber hinaus – bleibt es spannend, weil auch die Partitur mit so vielen synthetischen Teilen bestückt ist. Es gibt Tonbandeinspielungen, die noch nicht aufgenommen sind, es gibt Synthesizer-Klänge – man kann nur raten, wie es irgendwann mal klingen wird. Man merkt aber jetzt schon, dass vom Komponisten Andrea Lorenzo Scartazzini immer ein dramatischer Bogen mitgedacht wurde. Jede der zehn nicht miteinander verbunden Szenen hat ein eigenes musikalisches Gesicht. Scartazzini geht mit seiner Musik sehr genau auf die Atmosphäre und die Stimmung ein, die um die Szene herum herrschen soll. Insofern kann ich sagen, dass beides, Text und Musik, hilft.

Was ist Ihnen eigentlich lieber? So eine Rolle, die vorher noch niemand gespielt und gesungen hat? Oder die altbekannten Partien, bei denen vermutlich jeder seinen Lieblingsdarsteller hat?

Im besten Fall besteht da kein Unterschied. Natürlich ist man geprägt von konventionellen Hörgewohnheiten, vielleicht auch Wünschen. Und gerade als Sänger orientiert man sich an den großen Vorbildern. Aber es hat beides seinen Reiz. Wenn man einem ganz neuen Stück sein stimmliches Material zur Verfügung stellen kann, ist das eigentlich genau so aufregend wie das traditionelle Repertoire, dem man mit der gleichen Neugierde und vielleicht auch einer gewissen Grundnaivität begegnet.

Uraufführung am 19. Februar; Vorstellungen am 24. Februar; 1. März; 4. März; 9. März

Die gewohnten Einführungen im Rang-Foyer rechts werden erweitert, indem prominente Gäste aus Kunst und Politik im Gespräch mit Dramaturgin Dorothea Hartmann von ihren ganz persönlichen Beziehungen zu Edward II. als einer historischen Figur, einer Ikone der Schwulenbewegung und seiner Transformation in einen Opernstoff erzählen. Am 24. Februar 2017 mit Thomas Jonigk, am 1. März 2017 mit Klaus Lederer, am 4. März 2017 mit Rosa von Praunheim und am 9. März 2017 mit André Schmitz.

Das Interview führte Renske Steen
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