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Interview mit Nacho Duato

Elf Jahre sind die Terroranschläge auf den morgendlichen Pendlerverkehr in Madrid her. Wenige Wochen sind erst seit jenen in Paris vergangen. Seit dem 11. September 2001 scheint die Welt nicht zur Ruhe zu kommen. Unaufhörlich ist der Strom an medial vermittelten Bildern des Terrors, aber auch von Gewalt und Folter, geworden.

Nacho Duato greift die Emotionen, die er mit diesen Bildern und Themen verbindet, in seiner Choreographie „Herrumbre“ auf. Geschaffen hat er sie bereits 2004, kurz nach den Madrider Attacken und unter dem Eindruck der Folteraufnahmen aus Guantanamo. Wer hätte ahnen können, dass die Choreographie auch zehn Jahre nach ihrer Uraufführung nichts an Aktualität verloren hat? Das Staatsballett Berlin wird „Herrumbre“ ab dem 14. Februar 2016 im Schiller Theater zeigen.


Terror, Gewalt und Schmerz sind die Themen ihrer neuen Choreographie „Herrumbre“, auf Deutsch „Rost“. Warum suchen Sie sich keine schöneren Themen, beispielsweise die Liebesgeschichte eines Prinzen und einer Prinzessin?

Nacho Duato: Ich wollte ein Ballett kreieren, das die Zuschauer zum Nachdenken bringt über Terror, Krieg und Folter. Mir war klar, dass es sich dabei um eine große Herausforderung handelt. Es ist kompliziert, das auf die Bühne zu bringen. Aber ich bin fest davon überzeugt, dass der Tanz auch gesellschaftliche Themen zur Sprache bringen kann und muss, nicht nur die üblichen Märchenstoffe.

Haben Sie einen persönlichen Bezug zu diesen Themen?

Nacho Duato: Meine Wohnung in Madrid liegt nur wenige hundert Meter vom Bahnhof Atocha entfernt, in dem vor zwölf Jahren ein Terroranschlag verübt wurde. Das war also schon räumlich sehr nah und hat mich sehr aufgewühlt. Außerdem haben mich Folterinstrumente immer fasziniert. Ich habe eine Ausstellung über Folter von der Inquisition bis zur Franco-Diktatur gesehen und mir ist wieder einmal aufgefallen, dass es sich dabei häufig um ausgesprochen schöne Objekte handelt, wenn man nicht an ihren Zweck denkt. Sie wurden zu Kunstobjekten. Wenn man Folter und Terrorismus zusammenbringt, ergeben sich die Themen fast von selbst: Menschen im Gefängnis, Flucht vor Kriegen, Flüchtlinge. So kam es zum Titel „Herrumbre“, denn wenn wir die Humanität in der Gesellschaft nicht pflegen, setzt sie Rost an wie ungeschütztes Eisen an der Luft.

Welche Musik haben Sie für „Herrumbre“ ausgesucht?

Nacho Duato: Folteropfer haben immer wieder beschrieben, wie sehr sie unter den Geräuschen gelitten haben. Sie können nicht vergessen, was sie hören mussten. Schläge, Schreie von Freunden, das Schließen der Gefängnistüren, Schritte auf den Gängen, das Geräusch von Elektroschocks. Darauf basiert auch die Musik der katalanischen Komponisten Pedro Alcalde und Sergio Caballero, die eigens für diesen Abend geschrieben wurde. Wer das Bühnengeschehen nicht sehen möchte, kann zwar die Augen schließen, wird durch die Klänge aber immer noch einen sehr starken Eindruck mitnehmen. Es wird auch sehr schöne Cellomusik des Amerikaners David Darling zu hören sein, aber das sind vereinzelte Inseln im Schrecken.

Sie haben die faschistische Vergangenheit Spaniens bereits erwähnt, handelt es sich bei „Herrumbre“ um einen historischen Stoff oder um Gegenwartstheater?

Nacho Duato: Sie können beides finden, wie in einer Pietà. Die christliche Darstellung der trauernden Maria mit ihrem Sohn ist gleichzeitig historisch und gegenwärtig, und so verhält es sich auch mit meiner Choreographie. Das Thema ist heute leider gegenwärtiger als es noch vor zehn Jahren war. Folter findet nicht nur in Guantanamo oder während der Inquisition in Spanien statt. Erst kürzlich sah ich Fotos von einer Polizeistation in Barcelona, wo ein Flüchtling ohne gültige Papiere geschlagen wurde. Wer die Macht hat, eine Uniform und eine Waffe, der darf offenbar auch zuschlagen. Das ist schrecklich.

Nach einem fröhlichen Ballettabend klingt das nun wahrlich nicht. Spielt die Publikumserwartung eines unterhaltsamen Abends für Sie überhaupt eine Rolle?

Nacho Duato: Was Sie auf der Bühne zu sehen bekommen, ist schön. Verstörend, brutal, aber doch schön. Genauso wie ein Gemälde Goyas, Grünewalds oder Picassos. Ich möchte mich nicht mit diesen Meistern vergleichen, aber das ist das Ziel. Wir erzählen etwas Schreckliches, aber wir wollen das Publikum nicht quälen oder schockieren, sondern zu einer Auseinandersetzung mit den schrecklichen Zuständen in unserer Welt anregen.

Das Interview führte Uwe Friedrich

Foto: Nacho Duato | © Yan Revazov


(c) Yan Revazov