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Interview mit Stephan Rügamer
Letztens sei ihm aufgefallen, dass er selbst nun zu der älteren Generation an der Staatsoper Unter den Linden gehöre. Hat er irgendwie gar nicht mitbekommen, diese Entwicklung. Und das glaubt man dem Tenor Stephan Rügamer, der seit 1999 zum Ensemble gehört, sofort. Er wirkt nämlich wirklich nicht wie das alte Eisen, das man manchmal an Opernhäusern findet und das alles ganz routiniert weg singt. Der frische, positive Geist, der seit der Rückkehr des ganzen Ensembles in die sanierten Gebäude am Bebelplatz herrscht, beflügelt auch Stephan Rügamer. Und jetzt freut er sich erst einmal auf seine nächste Rolle als Knusperhexe in Engelbert Humperdincks Weihnachts-Klassiker „Hänsel und Gretel“ (der übrigens zum ersten Mal seit 21 Jahren wieder in der Staatsoper auf dem Programm steht). Damit eröffnet die Lindenoper am 8. Dezember ihre Feierlichkeiten zum 275. Jubiläum des Hauses. Aber wie fühlt sich eine Rückkehr nach sieben Jahren überhaupt an?

Es ist ein komisches Gefühl zwischen vertraut und neu. Man hat ständig Déjà-vus, kommt auf die Bühne im Opernhaus und denkt: „Ach, hat sich ja gar nichts geändert, dieselbe Farben, dieselbe Ästhetik.“ Und dann guckt man nach oben und sieht: „Gut, das ist schon höher und dieses schöne Porzellan-Netz…“ Den größten Unterschied bemerkt man, wenn man zu singen beginnt. Akustisch ist der Saal wirklich gelungen. Auf der Bühne hat man ein viel besseres Gefühl für die eigene Stimme, hört das Orchester viel besser – und im Publikumsraum ist es trotzdem sehr schön gemischt. Über die Optik kann man natürlich streiten, das haben wir ja vorher auch schon zur Genüge und öffentlich getan.

Am 8. Dezember stehst Du als Knusperhexe in Humperdincks Oper „Hänsel und Gretel“ auf dieser neuen schönen Bühne. Das klingt nach dem klassischen Weihnachtsstück für Kinder mit viel Styropor-Lebkuchenmännchen und warzenbesetzter Hexennase. Dagegen sprechen ein bisschen die Uhrzeit und die Dauer. Was ist es also? Oper für Kinder oder für Erwachsene oder für beide?

Es ist ein Märchen und das bleibt es auch. Natürlich hat Humperdinck daraus ein sehr kunstvolles Opernwerk gemacht. Aber dadurch, dass er viele alte Volkslieder eingebaut hat – so, dass man sie auch erkennt – bleibt es ein Märchen. Dem Regisseur Achim Freyer ist das auch total wichtig. Das hat er gleich in der ersten Besprechung gesagt: Er legt es so an, dass es auch etwas für Kinder ist. Aber die können sich natürlich auch mal erschrecken oder fürchten. Oder auch etwas nicht verstehen. Inzwischen ist es ja wirklich eine große Frage, die Familien und Eltern beschäftigt: Was und wieviel kann ich meinen Kindern zumuten? Und ich finde, dass bestimmte Dinge viel leichter für Kinder zu verdauen sind, wenn sie etwas verfremdet wurden. Die Inszenierung von Achim Freyer hat ganz viele Anknüpfungspunkte für alle möglichen Altersstufen.

Es ist aber keine Verfremdungs-Idee von Achim Freyer, dass ein Mann die Knusperhexe singt, oder? War Humperdinck schon damals den Gender-Debatten dieser Zeit weit voraus oder woher stammt diese auf den ersten Blick ungewöhnliche Besetzung?

Humperdinck hat die Rolle für einen Mezzosopran angelegt. Ich weiß nicht, wann es sich tradiert hat, dass auch Männer die Rolle singen, aber es gibt ja viele Werke in der Operngeschichte, in denen Rollen von verschiedenen Geschlechtern gesungen werden können. Bei der Inszenierung jetzt trifft es sich ganz gut, weil Achim Freyer es so anlegen möchte, dass die Hexe Ähnlichkeit mit dem Vater hat. Oft ist es so inszeniert, dass die Hexe der böse Anteil der Mutter ist, der in der Fantasie der Kinder in die andere Rolle hineinprojiziert wird. Das ist in dieser Inszenierung anders. Gleich am Anfang tanzt der Vater zum Beispiel eine Art Hexentanz, weil er froh ist, dass er als Besenbinder viel verkaufen konnte. Und wenn die Hexe auftritt, dann bekommen Hänsel und Gretel und sicher auch das Publikum so eine Art Revival-Gefühl: „Was macht die denn da? Die tanzt ja genauso wie Papa.“

Du trittst aber schon als Frau auf, oder?

Das Interessante ist ja, dass grade Kinder sich gar nicht so sehr für solche Äußerlichkeiten interessieren. Es geht um das grundsätzlich Böse, das Geschlecht ist dabei nicht wichtig. Außerdem ist die Hexe ohnehin stilisiert. Süß und bedrohlich zugleich. Zu viele Einzelheiten möchte ich aber noch nicht verraten, sonst gibt es keine Überraschung mehr.

Eine echte Hexe also, der man auf gar keinen Fall trauen kann.

Im Märchen gibt es ja diese festen Formen und Rollen. Es muss Gut und Böse geben und das Gute muss am Ende gewinnen. Obwohl das ja bei den Brüdern Grimm nicht immer so ist – was mich als Kind früher wahnsinnig gemacht hat. Auch Hans Christian Andersens „Mädchen mit den Schwefelhölzern“ zum Beispiel oder, noch viel furchtbarer und auch von Humperdinck als Oper verarbeitet, „Die Königskinder“. Ich finde aber, dass böse Rollen nur dann funktionieren, wenn man sie als Person versteht. Wenn man auch ihr Dilemma ernst nimmt. Und dafür darf man nicht gleich am Anfang rausplatzen mit „Hehehe, ich bin böööööse.“ Sondern man muss charmant sein. So dass nicht nur Kinder „die Einverleibung“ nicht bemerken, sondern auch Erwachsene.

Sonst hätte die Hexe ja auch schlechte Karten, und Hänsel und Gretel wären ihr vermutlich nie in ihr Hexenhaus gefolgt.

Ja, die Hexe ist so eine Art Großunternehmerin in Sachen Süßkram, auch global! Die hat überall auf der Welt schon Kinder mit Süßigkeiten verführt und sich so ein weltumspannendes Reich aufgebaut. Achim Freyer war diese Bedeutung ganz wichtig. Ganz am Anfang des Abends, wenn die Hexe noch nicht einmal auf der Bühne erschienen ist, werden alle möglichen Teile und vor allem Projektionen mit Bezug zu ihr gezeigt. Und da läuft ganz viel Werbung für Süßigkeiten und Spielwaren. Es entsteht sozusagen eine künstlerisch stilisierte Art New Yorker Times Square. Achim Freyer fügt der Oper so eine weitere Bedeutungsebene hinzu: Konsumkritik. Und das passt schon wieder ganz schön gut zu Weihnachten, oder?


Das Interview führte Renske Steen
(c)