- ein Jahr vorne sitzen
- Opern und Ballette für 10 €
- Konzerte für 8 €
- alle Vorteile für 15 € im Jahr
... Alles weitere hier

Interview mit Anna Vinnitskaya
Am 14. Januar ist Ausnahmepianistin Anna Vinnitskaya wieder zu Gast beim Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin (RSB) – mit dem virtuosen dritten Klavierkonzert von Sergej Rachmaninow, das in dieser Saison tatsächlich einen Neuzugang in ihrem Repertoire darstellt. Gebürtig aus dem russischen Novorossijsk, lebt die Gewinnerin des Reine-Elisabeth-Wettbewerbs 2007 seit fünfzehn Jahren in Hamburg, zunächst als Studentin von Evgeni Koroliov und inzwischen selbst als Professorin an der Hochschule für Musik und Theater.

Die „Russische Schule“ des Klavierspiels existiert nicht mehr, weil viele große Lehrer das Land zu Sowjetzeiten verlassen haben, sagten Sie neulich in einem Interview. Was bedeutet der Begriff für Sie?

Die „Russische Schule“ geht auf den legendären Heinrich Neuhaus zurück – ein Deutscher übrigens! Für Jahrzehnte war er der beste Klavierprofessor Moskaus und hat selbst viele ausgezeichnete Klavierpädagogen ausgebildet, darunter auch Lev Oborin, bei dem wiederum meine beiden Professoren Evgeni Koroliov und Sergej Ossipienko, studiert haben. Bei Sergej Ossipienko habe ich mit 10 Jahren in Rostow mein Studium begonnen. Er hat mit mir sehr viel an meinem Klang gearbeitet und unterschiedliche Anschlagtechniken ausprobiert. Damals hat ein Lehrer ungeheuer viel Zeit und Motivation in seine Schüler investiert. Vor einem Wettbewerb hat er mich manchmal 4 oder 5 Stunden hintereinander unterrichtet. Seiner Schule verdanke ich die technische Basis, ohne die ich mir mein heutiges Leben als Pianistin gar nicht vorstellen kann. Ich habe Familie, unterrichte, spiele Konzerte – ich kann nicht so viel üben wie damals. Dank meiner Ausbildung brauche ich diese lange Vorbereitungszeit nicht mehr, um ein Stück technisch einzustudieren.

Welchen Rat geben Sie Ihren eigenen Studenten angesichts der Tatsache, dass es heute zahllose Konzertpianisten gibt? >/i>

Ich sehe ein Problem darin, dass heute alle „Starpianisten“ werden wollen. Dafür reichen Talent oder Disziplin allein nicht – das Wichtigste ist auch ein bisschen Glück. Es lässt sich einfach nicht vorhersagen, bei wem es klappt. Deshalb muss man seine eigene Nische finden. Ich sage meinen Studenten, dass es am wichtigsten ist, zu lieben, was sie tun. Wer denkt, „Jetzt habe ich diesen Wettbewerb nicht gewonnen, meine Zeit ist verschwendet“, sollte etwas anderes machen. Wir haben einen schwierigen, eigenartigen Beruf, den wir nicht wegen des Gewinns ausüben. Das Wunderbare daran ist, dass wir uns ausdrücken und menschlich und musikalisch entwickeln können.

Viele der großen Klavierkonzerte spielen Sie ziemlich häufig, sie sind Teil Ihres Berufsalltags. Haben Sie tatsächlich noch Lieblingswerke?

Es ist mit den großen Klavierkonzerten ein bisschen wie mit eigenen Kindern: Sie sind ganz unterschiedlich, aber man liebt sie alle. Eine ganz besondere Beziehung habe ich zum zweiten Klavierkonzert von Prokofjew: Mit ihm habe ich 2007 den Königin-Elisabeth-Wettbewerb in Brüssel gewonnen und meine Karriere – eigentlich mag ich dieses Wort nicht – begann. Ich spiele es sehr gern, es weckt so viele Erinnerungen an die damalige Zeit. Allgemein gilt, dass ich nur das spiele, womit ich etwas zu sagen habe. Manchmal muss man ein Stück einstudieren, das man nicht sofort versteht, aber das ist dann ein Prozess.

Was bedeutet Ihnen Rachmaninows drittes Klavierkonzert, das Sie am 14. Januar mit dem RSB spielen werden?

Das dritte Klavierkonzert von Rachmaninow spiele ich erst seit ein paar Monaten, was für eine russische Pianistin vielleicht etwas komisch ist. Die Paganini-Variationen und sein zweites Klavierkonzert habe ich seit meinem 14. Lebensjahr sehr oft gespielt – Letzteres zum Beispiel im November 2016 mit dem RSB. Ans dritte habe ich mich lange nicht gewagt, obwohl ich es immer einstudieren wollte. Es ist sehr virtuos – 55 000 Noten, habe ich im Internet gelesen (lacht). Es ist mit 45 Minuten sehr lang und technisch eines der anspruchsvollsten Klavierkonzerte überhaupt. Die Herausforderung besteht darin, die ganzen technischen Schwierigkeiten zu vergessen, schlicht zu spielen und die Musik weiterzutragen.

Sie kehren regelmäßig als Solistin zum RSB zurück. Wie würden Sie diese musikalische Verbindung beschreiben?

Ich liebe es, mit dem RSB aufzutreten! Das erste Mal haben wir 2009 in Colmar zusammengespielt, das war Mozarts d-Moll Konzert unter Marek Janowski, zu dem ich eine sehr gute Verbindung habe. Mittlerweile kenne ich auch viele der Musiker. Alle unterstützen mich, ich fühle mich sehr wohl und „gemütlich“ mit ihnen. Das ist ein schönes Gefühl! Ich freue mich sehr, dass sie mich weiterhin einladen.

Eine obligatorische Frage an die Wahlhamburgerin: Was gefällt Ihnen an Berlin?

Ich habe mir oft gewünscht, in Berlin zu leben. Die Stadt weckt in mir eine Nostalgie nach meiner sowjetischen Zeit (lacht). Das meine ich positiv, ich liebe die Berliner Luft. Die Menschen sind sehr locker. Man merkt nie, dass man nicht in Deutschland geboren ist, sondern ist einfach ein Teil des Ganzen. Das schönste für mich ist die Gemäldegalerie in der Nähe der Philharmonie. Ich kenne viele der Bilder und besuche sie immer wieder. Wenn man da rauskommt, ist man ein anderer Mensch. In Hamburg liebe ich die Ruhe, die grünen Ecken und dass man nicht so weit fahren muss, um dorthin zu gelangen. Sogar in der U-Bahn kann ich entspannen!

Interview: Annette Zerpner
(c)