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Interview mit Cameron Carpenter
Cameron Carpenter © Marco Borggreve

Am 8. September eröffnet der amerikanische Organist Cameron Carpenter als neuer Artist in Residence die Saison 2017/18 am Konzerthaus Berlin. Mit außergewöhnlicher Musikalität, nahezu grenzenloser technischer Fertigkeit, Pioniergeist unter anderem bei der Planung seiner digitalen International Touring Organ und viel Sinn für den dramatischen Auftritt überwindet der Amerikaner jedes Imageproblem seines Instruments und kultiviert eine weltweite Anhängerschaft. Welchen Musiktipp gibt ein solcher Künstler?

„Brian Enos Thursday Afternoon in der gesamten Länge von knapp 61 Minuten.“

Das sei zumindest der Song, der ihm zuletzt nicht mehr aus dem Kopf gehen wollte. Die in der Ursprungsversion als Videosoundtrack sogar über 80 Minuten lange Komposition des britischen Künstlers entstand 1984 – zuvor hatte Eno mit "Music for Airports" das erste Album mit von ihm so genannter Ambient Music herausgebracht. Diese Musik soll die Wahrnehmung des Raums, in dem sie abgespielt wird, beeinflussen. Und dafür muss man sie noch nicht mal bewusst wahrnehmen. Brian Eno meint dazu: „ebenso überhörbar wie interessant“. Was macht also "Thursday Afternoon" mit einem Donnerstagnachmittag? Einen Versuch ist das allemal wert!
Aber was hört Cameron Carpenter überhaupt in seiner Freizeit? Klassische Musik? Und von wem?


„Außerhalb der Arbeit höre ich gar keine klassische Musik. Seit vielen Jahren besitzt solche Musik für mich nämlich keinerlei Freizeit-Wert mehr. Sie ist etwas, an dem ich arbeite, das ich verarbeite, etwas, das ich zu einem bestimmten Zeitpunkt, einer Deadline, fertig gestellt haben muss. Das ist die Lebensrealität eines professionellen klassischen Musikers. Ansonsten höre ich (ohne wirklich zu hören) alles, was grade zufällig gespielt wird, wenn ich in einem Club zum Tanzen bin. Oder ich höre ‚Weißes Rauschen‘ zu Hause oder im Flugzeug.“

Wann sind Sie das erste Mal in Berührung mit einer Orgel gekommen?

„Als ich ungefähr vier Jahre alt war, wurde ich zu einem Orgel-Rezital in eine Kirche in Erie, Pennsylvania mitgenommen. In der Pause bat ich darum, zu gehen. Was wir auch taten.“

Heute ist Cameron Carpenter definitiv begeisterter von der Orgel. Bei der Jahrespressekonferenz des Konzerthauses sagte er einleitend auf die Frage, ob er etwas zu der von ihm selbst in 10 Jahren entwickelten und seit der Fertigstellung 2014 eigentlich fast ausschließlich gespielten „International Touring Organ“ erzählen könne: „Natürlich! Stoppen Sie mich einfach, wenn es zu viel wird.“ Und nicht nur Carpenter selbst ist von der Orgel aus dem Haus Marshall & Ogletree, mit deren Hilfe er auf elektronischem Wege eine Unmenge an traditionellen und Effekt-Klängen aus dem Hut zaubern kann, angetan. Das Publikum liebt diese neue Art der „Königin der Instrumente“ und liebt auch Cameron Carpenters außergewöhnliche Bühnenpräsenz, die sich nicht nur in ausgefallen Outfits, sondern auch in einer großen Zugewandtheit dem Publikum gegenüber ausdrückt. Den vermeintlich exzentrischen Charakter seines Instruments weist Carpenter dagegen strikt zurück.

„Es sind die Organisten, nicht die Orgel, die ‚exzentrisch‘ sind. Wie ich immer wieder gern erkläre, ist die Orgel das einzige Instrument, das schon immer – also lange vor der Entdeckung des Digitalen – binär strukturiert und somit dem Digitalen sehr nah ist. Die International Touring Organ ist also keine Revolution, sondern eine logische Evolution, die aber keinesfalls einen Bruch mit der Tradition der Pfeifenorgel darstellt und somit auch überhaupt nicht exzentrisch sein kann. Wenn überhaupt, dann ist es eher meine eigene Exzentrizität, die durch meine Arbeit als Orgel Designer auf die International Touring Organ abgefärbt hat.“

Hätte Ihre Wahl eigentlich auch auf ein anderes Instrument fallen können? Oder musste es die Orgel sein?

„Eine für mich nicht zu beantwortende und auch irrelevante Frage. Ich war nie an anderen Instrumenten interessiert und bin es auch heute nicht.“

Zur Saisoneröffnung steht Cameron Carpenter dann auch erst einmal allein auf der Bühne – zusammen mit der International Touring Organ. Bevor das Konzerthausorchester Berlin unter der Leitung des Chefdirigenten Iván Fischer Mahlers 5. Sinfonie präsentiert, spielt er neben Werken von Bach das berühmte „Adagietto“ aus derselben Sinfonie, von ihm selbst bearbeitet. Im Laufe der Saison tritt Cameron Carpenter dann natürlich auch mit anderen Musikern gemeinsam auf, unter anderem mit den Pianisten Lucas & Arthur Jussen, der Sängerin Olivia Trummer sowie Mitgliedern des Konzerthausorchesters.

Interview: Renske Steen
(c)